POSITIONEN

„WIR GEHEN MIT UNSEREN PRODUKTEN DORTHIN, WO DIE MENSCHEN SIND“

Im Gespräch beantwortet Hartmut Jenner unsere Fragen mit geballter Information. Direkt danach will er in den Flieger in Richtung China steigen – zusammen mit allen Betriebsräten, um ihnen das Werk in Changshu zu zeigen. Doch vorher erzählt er, warum er für Kärcher nach fast 20 Jahren an der Spitze immer noch brennt.

Mit Hartmut Jenner sprach Ewald Manz. Fotos von Frank Blümler

positionen: Herr Jenner, Sie stehen seit 2001 an der Spitze von Kärcher. 1991 haben Sie bei dem Familienunternehmen direkt nach dem Studium angefangen. Was hat Sie in Ihrer frühen Karriere geprägt?

Hartmut Jenner: In den 1990er-Jahren waren es stürmische Zeiten für Kärcher. Der Maschinenbau befand sich in der Krise. Mit dem Hochdruckreiniger hatte Kärcher ein neues Produkt für Endkunden auf den Markt gebracht, das sich sehr gut verkaufte. Dafür mussten wir neue Produktionskapazitäten schaffen, eröffneten ein Werk in Italien. Damals waren wir noch nicht so erfahren und hatten damit einige Probleme. Auch im US-Markt gab es größere Schwierigkeiten. In dieser Zeit haben mich die Führungsverantwortlichen alle zwei Jahre auf eine neue Aufgabe gesetzt. Ich habe immer dann gewechselt, wenn ich so langsam die Früchte meiner Arbeit hätte ernten können.

positionen: Wie haben Sie diesen ständigen Wechsel empfunden? Welches Fazit würden Sie ziehen, wenn Sie Berufsanfänger danach fragen würden?
Hartmut Jenner: Eine ganz wichtige Eigenschaft, die man haben und sich bewahren sollte, ist die Bereitschaft, sich immer wieder auf etwas Neues einzulassen. Was mich betrifft: Es gibt keinen einzigen Aufgabenbereich, den ich nicht geleitet habe. Und das ist kein Witz. Ich war Werksleiter, Leiter Forschung und Entwicklung, Leiter Strategie, Leiter Marketing und Leiter einer Vertriebstochter in Nordamerika.
Heute bin ich Vorstandsvorsitzender, leite aber unter anderem noch die Bereiche Finanzen, Personal, Facility-Management, Unternehmensentwicklung und IT – Letztere ist heute einer der wichtigsten Bereiche in einem Unternehmen. Mit diesem operativen Erfahrungshorizont kann Ihnen als Chef keiner ein X für ein U vormachen.
positionen: Wie trägt Ihr Unternehmen zum Erfolg Ihrer Mitarbeiter bei?
Hartmut Jenner: Kärcher stellt ideale Bedingungen für die Ausbildung und Förderung seiner Mitarbeiter bereit. Bereits vor 20 Jahren haben wir beispielsweise angefangen, in unseren Mitarbeitergesprächen Zielvereinbarungen zu formulieren. Das ging auf unseren damaligen CFO zurück, der sehr angelsächsisch geprägt war. Ein weiteres Beispiel ist unser international ausgerichtetes Personalentwicklungsprogramm, das sich „GROW@KÄRCHER“ nennt. Aber am Ende ist die Leistungsbereitschaft eines jeden Einzelnen entscheidend. Sie muss in Symbiose mit dem funktionieren, was das Unternehmen anbietet. Dann stellt sich Erfolg ein. Denn Erfolg besteht zu 97 Prozent aus Arbeit, zwei Prozent Talent und ein Prozent Glück.

„WENN MAN ERSTER IST, MUSS MAN BESTREBT SEIN, NOCH BESSER ERSTER ZU SEIN.“

positionen: Alfred Kärcher hat das Unternehmen 1935 gegründet. Heute tragen seine Kinder Johannes Kärcher und Susanne Zimmermann von Siefart in zweiter Generation die Verantwortung für das Familienunternehmen – allerdings nicht operativ, sondern als Gesellschafter. Wie intensiv ist der Austausch?
Hartmut Jenner: Mit beiden gibt es einen regen und regelmäßigen Austausch. Herr Kärcher ist regelmäßig im Büro, mit Frau Zimmermann von Siefart habe ich meine monatlichen Calls. Bei uns herrscht das Prinzip: Offenheit erzeugt Offenheit. Unsere Gesellschafter haben auf alle Daten Zugriff.
positionen: Kärcher hat mittlerweile rund 500 Mitbewerber, die teils auch im charakteristischen Gelb auftreten. Wie bewahrt das Unternehmen die Einzigartigkeit seiner Marke?
Hartmut Jenner: Entscheidend ist unsere eigene DNA, die sich vor allem durch unsere Innovationsfähigkeit und Innovationskraft auszeichnet. Und unser Umfeld bietet noch viel Potenzial: Der Reinigungsmarkt kann noch viel ergonomischer, effizienter und umweltfreundlicher werden. Viele Reinigungsarbeiten werden noch manuell ausgeführt.
positionen: Derzeit bauen Sie an Ihrem Hauptsitz in Winnenden ein neues Bürogebäude. Das Wachstum steht stellvertretend für den Konzern. Wo liegt dabei der geografische Fokus?
Hartmut Jenner: Als ich zu Kärcher kam, stammten über 60 Prozent des Umsatzes aus dem deutschen Markt. Heute liegt der Anteil bei 15 Prozent. Wir gehen mit unseren Produkten dorthin, wo die Menschen sind. Auch wenn es banal klingt: Mehr Menschen heißt mehr Reinigung. Geografisch übersetzt heißt das, dass wir vor allem in Asien wachsen. Dort steigen die Einkommen stark an. Die Menschen arbeiten mehr und haben somit weniger Zeit, selbst sauber zu machen. Gleichzeitig steigt die Bereitschaft, Geld für Reinigung auszugeben. In China und Japan sehen wir starkes Wachstum, Indien und Indonesien ziehen langsam nach. Größter Bestandsmarkt sind für uns die USA – das Land mit den meisten versiegelten Flächen.

Kärcher

Die gelben Hochdruckreiniger sind zum Markenbegriff geworden. Man reinigt nicht, sondern „kärchert“ seine Terrasse. Das Familienunternehmen ist Weltmarktführer und Spezialist für Reinigungstechnik und beschäftigt heute weltweit 13.000 Mitarbeiter. Das Unternehmen, das vor Kurzem in eine europäische SE umgewandelt wurde, erzielte 2018 einen Umsatz von 2,525 Milliarden Euro. Das Produkt-angebot reicht vom Hochdruckreiniger über Akkufensterreiniger bis zu Kehr­maschinen. Für 2019 hat Vorstandschef Jenner eine digitale Plattform angekündigt, die Reinigung nach Bedarf ermöglicht, und eine Energiespeicherlösung, die es erlaubt, dieselben Akkus für gewerbliche und Endverbrauchergeräte zu verwenden.

positionen: Mit welchen Produkten will Kärcher weiter wachsen?
Hartmut Jenner: Produktstrategisch gibt es drei Megatrends: erstens Robotik, zweitens Energiespeichermedien, also Akkutechnologie, und drittens Digitalisierung. Letzteres teilt sich wiederum in zwei Bereiche auf: digitale Produkte als Plattform und Produkte, die in ihrer Hardware um Funktionen angereichert und so im Sinne des Internet of Things miteinander vernetzt werden. Beispielsweise eine Gartenbewässerungsanlage, die den Wasserbedarf auf die gemeldete Regenhäufigkeit abstimmt. Ein anderes Beispiel sind Produkte, die mit dem Nutzer interagieren. So könnten wir das Pro­blem abstellen, dass zahlreiche unserer Produkte im Winter einen Frostschaden erleiden, denn das Wasser wird oft nicht rechtzeitig aus dem Pumpsystem gelassen. Gäbe es ein entsprechendes Frühwarnsystem, das auf die Temperaturentwicklung im Außenbereich reagiert und den Nutzer vor einem Frostschaden warnt, würde das nicht passieren.
positionen: Sie selbst haben etliche Geräte von Kärcher in Ihrem eigenen Zuhause im Einsatz. ­Welches ist Ihr „Lieblingsspielzeug“?
Hartmut Jenner: Derzeit sind es 37 Geräte von uns, die bei mir zu Hause ihren Dienst tun – vom Fenstersauger bis zur kommunalen Kehrmaschine. Der Akkubesen ist eines meiner Lieblingsgeräte. Ich habe auf jedem Stockwerk einen. Auch wenn er am Markt nicht der absolute Erfolg war.

„ICH BIN EIN GROßER FREUND DER VIELFALT – VON DER MISCHUNG AUS ALT UND JUNG, FRAU UND MANN.“

positionen: Welches Produkt vermissen Sie noch?
Hartmut Jenner: Was ich sehr gern noch hätte, wäre ein Schuhputzgerät. Das ist aber technisch schwierig in der Umsetzung. Die Schuhe sind alle unterschiedlich in Größe und Form. Dann gilt es, verschiedene Arbeitsabläufe zu absolvieren – nass reinigen, eincremen, polieren. Das ist alles andere als trivial.
positionen: Anfang 2018 hatte das „Employee World Meeting“ bei Kärcher Premiere. Damals haben die Teilnehmer konkrete Vorschläge erarbeitet. Was davon hat bereits Spuren hinterlassen?
Hartmut Jenner: Positiv war, dass die Teilnehmer des World Meetings wie Botschafter in ihre Länder zurückgekehrt sind und die Ideen und den frischen Geist des Treffens mitgenommen haben. Als ein Punkt kristallisierte sich heraus, dass der Austausch zwischen den Bereichen und den einzelnen Ländern verbessert und verstärkt werden sollte. Der im letzten Sommer eingeführte „Mystery Lunch“ hilft uns, das umzusetzen. Über ein Onlinetool verabreden sich Mitarbeiter untereinander zum Essen, ohne zu wissen, wen genau sie treffen werden. Dabei machen 300 Mitarbeiter aus fast allen Ländern mit. Das Ganze funktioniert hierarchieübergreifend.

Hartmut Jenner

geboren in Winnenden, dem Ort nahe Stuttgart, den Alfred Kärcher als Sitz seiner 1935 gegründeten Firma auswählte. Der Sohn einer Landwirtfamilie ist beides: heimatverbunden und weltoffen. Nach dem Studium fängt der Diplom-Kaufmann und Ingenieur 1991 bei Kärcher an und geht für das Familienunternehmen in die Welt. Unterschiedlichste Stationen führen Jenner stetig auf der Karriereleiter nach oben. Seit 2001 steht er an der Spitze. Der 53-Jährige legt Wert auf den persönlichen Kontakt zu seinen Mitarbeitern, begrüßt und verabschiedet jeden Azubi. Er sieht sich nicht als Manager, sondern als angestellter Unternehmer. Vorbild will er sein, auch beim gemeinsamen Sport. Bereits zwölfmal ist er mit seinen „Kärcherianern“ beim Stuttgarter Halbmarathon gestartet.

Odgers Berndtson-Partner Ewald Manz im Gespräch mit Hartmut Jenner.
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positionen: Wie war Ihr letzter „Mystery Lunch“?
Hartmut Jenner: Der war sehr interessant. Ich war u. a. mit einer Kollegin verabredet, die noch relativ neu bei Kärcher war. Wir haben uns genauer über den Bewerbungsprozess unterhalten, und es stellte sich heraus, dass die Benutzeroberfläche unseres Onlinebewerbungstools nicht sehr bedienungsfreundlich ist. Nach unserem Lunch habe ich gleich veranlasst, dass zwei Dinge verbessert werden.
positionen: Für den langfristigen Erfolg eines Unternehmens ist essenziell, dass jüngere Manager rechtzeitig für die Nachfolge im Top-Führungsgremium aufgebaut werden. Wie früh fängt Kärcher damit an?
Hartmut Jenner: Kärcher hat Führungskräfteentwicklung schon immer sehr professionell betrieben. Ich selbst wäre nicht so früh Führungskraft geworden, wenn ich nicht diese Unterstützung gehabt hätte. Heute verstehe ich mich als oberster Talent Scout im Unternehmen. In jeder der Kärcher-Gesellschaften bearbeite ich die obersten beiden Führungsebenen persönlich. Generell sehen wir uns als Menschenkümmerer. Bei allem Fokus auf Leistung wollen wir den Menschen nahe sein.
positionen: Wie stellen Sie im Auswahlprozess sicher, dass ein Bewerber das Potenzial mitbringt, ein „Kärcherianer“ zu werden?
Hartmut Jenner: Jenseits der üblichen Auswahlkriterien wie Können, Lebenslauf und Erfahrung haben wir einen sehr dezidierten Test, der auf unsere Kultur, unsere Werte und auf die von uns gewünschten Fähigkeiten zugeschnitten ist. Bewerber für die zweite und dritte Führungsebene sowie Talente durchlaufen diesen Test. Nach der Einstellung spielt das Onboarding-Programm eine wichtige Rolle. Ich bezeichne diesen Prozess als „Einkärchern“. Ein Mitarbeiter begleitet den Neuling für mehrere Monate auf Schritt und Tritt. Bevor er hinausgeschickt wird, bekommt er das „gelbe Blut“. So wollen wir vermeiden, dass Schwächen aus der Zentrale heraus entstehen.
positionen: Was genau zeichnet die Kärcher-Kultur aus?
Hartmut Jenner: Wenn man Weltmarktführer ist, hat man einen ganz anderen Anspruch an sich selbst. Wen soll denn die Nummer eins überholen? Deswegen müssen Sie sich selbst ganz eigene und ganz andere Ziele setzen. Wenn man wie Kärcher Erster ist, muss man bestrebt sein, noch besser Erster zu sein.
positionen: Welche Bilanz kann Kärcher zum Thema Vielfalt ziehen? Wie hoch ist der Anteil von Frauen und der ausländischen Manager in Führungspositionen?
Hartmut Jenner: Weltweit haben wir rund 100 Top-Führungskräfte. 70 Prozent davon sind Nicht-Deutsche, was schon allein damit zusammenhängt, dass wir im Ausland nur lokale Führungskräfte beschäftigen. Ich bin überzeugt, dass eine Auslandsgesellschaft nur von jemandem geführt werden kann, der aus dem Land kommt. Expats setzen wir nur ein, wenn vorübergehend eine Lücke gefüllt werden muss oder wenn konzernweite Systeme oder Strukturen eingeführt werden müssen – beispielsweise ein System zur Qualitätssicherung. Unser Frauenanteil beträgt weltweit 28 Prozent – davon sind 23 Prozent potenzielle Führungskräfte. Dieses Potenzial haben wir noch nicht ausgeschöpft, da wir auf der zweiten und dritten Managementebene derzeit erst 17 Prozent Frauen haben. Im Vorstand sitzt bislang noch keine Frau.
positionen: Welchen Stellenwert haben ältere Mitarbeiter, also 50 plus?
Hartmut Jenner: Der Anteil von Mitarbeitern, die älter als 50 sind, liegt bei uns weltweit bei 25 Prozent. Zu ihrer Förderung entwickeln wir gerade ein Projekt mit dem Namen „58 plus“. Ich bin ein großer Freund der Vielfalt – von der Mischung aus Alt und Jung, Frau und Mann. Mitte der 1990er-Jahre habe ich in einer Einheit gearbeitet, die ohne die älteren Mitarbeiter gekippt wäre. Die Mitarbeiter gerieten damals in eine Situation, in der sie unter einem enormen Druck standen. Die Jungen konnten dem nicht standhalten, die Älteren haben dagegen die Einheit stabilisiert.
positionen: Bald sind es 20 Jahre, seit Sie Kärcher führen. Was sind Ihre persönlichen Kraftquellen?
Hartmut Jenner: Zum einen habe ich natürlich eine intrinsische Motivation durch die Verantwortung, die ich für die Mitarbeiter und die Kunden habe. Generell muss es einem Spaß bereiten, was man macht. Aber natürlich muss ich auf mich achten, gerade weil ich so viel unterwegs bin und im Flieger sitze. Nicht zu viel Alkohol, regelmäßig Sport. Ich habe vor einiger Zeit meine Ernährung komplett umgestellt und deutlich abgenommen. Eine intakte Familie und eine gute Ehe zu haben, ist ebenfalls elementar.
positionen: Herr Jenner, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Fotos: Frank Blümler

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