ZIPPERTS POSITION

STRESS HIER NICHT RUM

Hans Zippert ist freier Journalist und Autor der Kolumne „Zippert zappt“ in der WELT sowie WELT AM SONNTAG.

Wer Verantwortung trägt, ist automatisch einem ungeheuren Stress ausgesetzt. Die meisten Menschen verhalten sich daher lieber unverantwortlich, das ist nicht so anstrengend. An einigen wenigen bleibt am Ende doch die Führungsaufgabe hängen und die müssen sich um ein Stressmanagement kümmern. Wichtig ist zunächst einmal, den Stress nicht während der Arbeitszeit entstehen zu lassen, sondern ihn in den Feierabend- und Freizeitbereich zu verlegen. Stress in der Familie oder Partnerschaft kann extrem positive Effekte haben, man freut sich regelrecht darauf, endlich wieder arbeiten zu dürfen. Hier können Überstunden gezielt zur Stressreduktion eingesetzt werden. Bewährt hat sich auch das Verfahren, Stress direkt an Untergebene zu delegieren, die oft besser in der Lage sind, damit umzugehen, weil sie keine Verantwortung tragen.

Wer lieber selbst an sich arbeiten will, sucht sich eine Position im höheren Stressmanagement als Achtsamkeitsratsvorsitzender oder Chill Executive Officer (CEO). Der Grad individueller Belastung wird im Allgemeinen durch einen Stresstest ermittelt. Banken und Kernkraftwerke werden überprüft, aber auch die SPD befindet sich wegen Leitungsproblemen seit Jahren in einem Stresstest.

Möglicherweise muss die Partei bald vom Netz genommen werden. Ausgebildete Stressbewältiger raten, immer positiv zu denken, das negativ besetzte Wort Stress zu vermeiden und lieber von Ressourcenmanagement zu sprechen. Wobei Stress tatsächlich eine unserer größten körperlichen Ressourcen ist. Der Mensch besteht zu sechzig Prozent aus Wasser, zu dreißig Prozent aus Stress und zu zehn Prozent aus unverdaulichem Mikroplastik. Er kann jederzeit körpereigenen Stress in fast unbegrenzter Menge produzieren, das hat ihm evolutionär eine Top-Position eingebracht, noch vor dem Schimpansen und dem Erdferkel.

Wer aber unbedingt eine stressfreie Arbeit in leitender Funktion sucht, dem ist ein Posten in einer Landesmedienanstalt oder im Aufsichtsrat eines russischen Energieversorgers zu empfehlen. Oder man lässt sich zum Bundespräsidenten wählen und tritt nach sechs Monaten aus persönlichen Gründen zurück – danach kann man sich ganz entspannt im Hier und Jetzt einrichten und seinen Kontostand beobachten.

Fotos: Hans Zippert

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