POSITIONSWECHSEL

MIT STRESS GESUND UMGEHEN

Wenn unser Körper die Notbremse zieht, ist es höchste Zeit für grundlegende Veränderungen. Damit Stress uns nicht lähmt, sondern beflügelt. Der entscheidende Faktor in diesem Prozess sind wir selbst.

Von Ina Lockhart

„Wenn ich drei Treppen hochgelaufen bin, war ich platt.“ So fühlt sich Ralf Rangnick, damals noch Trainer bei Schalke 04, kurz bevor er im September 2011 seinen Burn-out öffentlich macht. „Es war, als hätte man mir die Stromkabel durchgeschnitten“, sagt Starkoch Tim Mälzer im Rückblick auf seinen totalen Erschöpfungszustand im Jahr 2006. 40, 50 Stunden könne er in der Woche arbeiten. „Aber 80 Stunden? Vergiss es.“ Das ist der O-Ton der Ärzte, die Matthias Platzeck nach seinem leichten Schlaganfall beraten. Für den Politiker aus Leidenschaft braucht es schließlich zwei Hörstürze, einen Nervenzusammenbruch, einen Burn-out und einen leichten Schlaganfall, bis er 2013 als Ministerpräsident Brandenburgs zurücktritt. 2006 hatte er bereits den SPD-Bundesvorsitz aufgegeben.

Der Burn-out ist nur eine Art, wie der eigene Körper einem die rote Karte zeigt. Die andere ist häufig der Herzinfarkt, früher landläufig noch als „Managerkrankheit“ bezeichnet. Im November 2018 etwa erwischt es Alain Caparros, der an der Spitze von C & A Europa steht. Eine schwere Herzattacke wirft ihn aus der Bahn. Zehn Tage später ist er schon wieder auf einer wichtigen Branchenveranstaltung und gesteht in aller Öffentlichkeit, dass ihn diese Grenz­erfahrung über Grundsätzliches habe nachdenken lassen. Doch er macht weiter. Erst im März dieses Jahres kommen die Einsicht und sein Rücktritt: „Ich habe das Unternehmen mit Leidenschaft und Engagement geführt. Leider sehe ich mich aufgrund meines Herzinfarkts im vergangenen Jahr nicht mehr in der Lage, meine Position mit dem erforder­lichen Einsatz auszufüllen“, sagt Caparros.

Notbremse des Körpers
Burn-out, meist von Depressionen begleitet, und Herzinfarkt sind stressbezogene Krankheiten, die viele, aber nicht nur Führungskräfte aus ihrem bisherigen Leben reißen und eine Zwangspause einfordern. In etlichen Fällen enden sie auch tödlich, weil der Körper sich selbst für immer ausknipst oder die Betroffenen sich aus Verzweiflung irgendwann selbst das Leben nehmen. Oft auch, weil sie unter enormem Druck stehen oder persönliche Niederlagen erlebt haben. Die Suizide des ehemaligen Chefs des Zurich-Versicherungskonzerns Martin Senn im Mai 2016, des ehemaligen Siemens-Finanzchefs Heinz-Joachim Neubürger im Februar 2015 und des Fußballbundesligatorwarts Robert Enke im November 2009 sind nur einige prominente Beispiele.

Diesen Erkrankungen vorzubeugen ist eine persönliche Herausforderung. Denn mögliche Stressfaktoren sind vielfältig, individuell sehr unterschiedlich und haben oft systemische Ursachen. Gleichzeitig ist es unbequem, sich – bevor es der Körper per Notbremse für einen tut – mit seinem Gesundheitszustand und seinen stressbegünstigenden Verhaltens- und Lebensweisen selbstkritisch auseinanderzusetzen. Zumal diese persönliche Analyse nur der erste Schritt ist. Sie bildet die Basis für einen Veränderungsprozess, in dem der Betroffene vorbeugend persönliches Stressmanagement lernen soll.

FAKTEN ZUM STRESS

48%
der Deutschen fühlen sich in ihrem Leben häufig gestresst, wie eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2016 zeigt.
46%
geben ihre Arbeit als größten Stressfaktor an. 43 Prozent nennen hohe Ansprüche an sich selbst als Stressfaktor Nummer zwei. Bei Frauen sind es hier sogar 48 Prozent.
36%
der 40- bis 49-jährigen Deutschen bestätigen, dass sie in den letzten drei Jahren seelische Beschwerden hatten. In der Altersgruppe da­runter (30 bis 39 Jahre) sowie darüber (50 bis 59 Jahre) trifft dies nur auf jeden Fünften zu.

Integrativer Gesundheitsansatz

Ein Stressfaktor könne etwa sein, ob ein Mensch sein berufliches oder privates Umfeld als feindselig empfindet, sagt Prof. Dr. med. Tobias Esch, Leiter des Instituts für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung in Witten (siehe Interview unten). „Dieser Faktor korreliert nachweislich mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder insgesamt einer erhöhten Sterblichkeit. Dieses Empfinden gibt es häufig bei Führungskräften, doch kommt es durchaus auch bei Mitarbeitern ohne Führungsaufgaben vor.“ Mit seinem integrativen Ansatz will sich Esch von klassisch ausgebildeten Ärzten abgrenzen: „Sie sind pathogenetisch geschult und somit spezialisiert darauf, Krankheiten zu erkennen und zu behandeln. Sie sind aber keine Experten dafür, die Widerstandsressourcen eines Menschen zu stärken oder die Stressbelastung zu reduzieren.“
Doch was ist eigentlich Stress? „Die unspezifische Reaktion des Organismus auf jegliche Anforderung.“ Diese Antwort stammt von dem Endokrinologen Hans Selye, der als „Vater der Stressforschung“ gilt und in den 1930er-Jahren die Grundlagen der Stressforschung entwickelte. Seine Definition mutet faktisch-neutral und wissenschaftlich an. Seine andere oft zitierte Aussage, „Stress ist die Würze des Lebens“, scheint lebensnaher. Stress ist also nicht per se negativ. Es kommt auf die Dosis an, wie auch Dr. Hans-Dieter Hermann, Sportpsychologe der deutschen Nationalelf, im Interview unten erörtert.

Stress kann auch beflügeln

Thomas Lurz, ehemaliger Olympiaschwimmer im Freiwasser, fühlte sich durch positiven Stress meist zu besserer Leistung angespornt. Sofern er selbst mit sich im Reinen war. „Ohne meine Mannschaft, meinen Trainer und mein gesamtes Umfeld hätte ich nie etwas gewonnen. Schwimmen ist zwar ein Einzelsport. Doch ist es wichtig, dass man in einem guten Team trainiert. Jeden Tag muss dich ein Teamkollege neu herausfordern.“
Damit wird die persönliche Auseinandersetzung mit seiner eigenen Stressbelastung noch komplexer. Denn wie kann ich spüren und wissen, wann ich die unsichtbare Trennlinie überschreite, an der positiver Stress zu negativem wird und mir schadet? YourPrevention™ hat eine Methode gefunden, Stressbelastung zu objektivieren. Sie verfolgen den Anspruch, systemisch verstehen zu wollen, wieso ihr Klient jetzt an diesem Belastungspunkt angekommen ist.

Neurobiologische Stressantwort

Dafür haben Vater und Sohn den Integralen Stress Test™ entwickelt, dessen wissenschaftliche Qualität und Validität in einem Forschungsprojekt derzeit kritisch überprüft wird. „Mit einer ausführlichen Diagnostik zur psychischen und neurobiologischen Stressantwort wollen wir neurowissenschaftlich verstehen, wo eine bestimmte Person steht“, erklärt Florian Wolf. Der Test beleuchtet die biografische, biochemische und biophysische Dimension. Dafür füllt der Betroffene einen neuropsychologischen Fragebogen aus, es werden das Stresshormon Cortisol im Speichel und die Botenstoffe Noradrenalin, Dopamin, Adrenalin und Serotonin im Urin untersucht. Zusätzlich wird die Herzratenvariabilität (HRV) – also die biologischen Reaktionen des Herzschlages im Verlauf des Tages und der Nacht – über drei Tage gemessen (siehe auch Abbildung unten).
Im Leistungssport hat sich die Bestimmung der HRV als sensibler Indikator für optimale Regeneration und Leistungsoptimierung etabliert, um Krankheit durch Übertraining zu vermeiden. Aus ihm lässt sich frühzeitig der Bedarf an Regeneration ableiten. Regeneration ist aber nicht gleich Entspannung, wie der ehemalige Leistungsschwimmer Lurz, der bei den Olympischen Spielen in London 2012 über zehn Kilometer im Freiwasser die Silbermedaille geholt hat, aus seiner Jugend weiß: „Für mich war damals der schlimmste Stress die Doppelbelastung durch Schule und Leistungssport. Ich wollte in der Schule gut sein, mein Abitur machen und gleichzeitig weiterhin schwimmen. Am Sonntag, meinem einzigen trainingsfreien Tag, zum Angeln zu gehen war für mich die Ressource, die mir in diesen Stress­phasen Energie, Spaß und Ruhe zurückgegeben hat.“

Spaß und Regeneration

Heute als 39-jähriger Familienvater und Assistent von Bernd Freier, Gründer und CEO von s.Oliver, bedeutet ihm das Angeln immer noch sehr viel. Spaß und Regeneration bringen ihm aber auch seine Familie und sein täglicher Sport. „Ich persönlich fühle mich schlecht, wenn ich zwei oder drei Tage lang keinen Sport gemacht habe.“ Viermal die Woche schwimmt er frühmorgens eine Stunde, zweimal geht er laufen und zweimal absolviert er sein Krafttraining. Generell empfiehlt er, sich mindestens ein- bis zweimal die Woche zu bewegen. Entscheidend sei dabei die Regelmäßigkeit. „Bewegung ist sehr wichtig, um Stress gut bewältigen zu können. Ist der Körper fit, denkt auch der Geist anders. Man ist ausgeglichener und hat eine größere innere Zufriedenheit.“

Lurz, der selbst viele Vorträge über Motivation, Fitness und Stress hält, befolgt für sein persönliches Stressmanagement ein Dreistufenmodell: „Erstens ordne ich in heißen Phasen Verantwortlichkeiten und Aufgaben nach Wichtigkeit und Dringlichkeit. Damit gelingt es mir dann in der zweiten Stufe, den Stress zu reduzieren und Zeit für Entspannung zu finden. Drittens achte ich darauf, dass ich ausreichend Sport mache, nicht weniger als sechs Stunden schlafe, mich überwiegend gesund ernähre und Zeit für Spaß und Regeneration habe.“

Bewegung als Ritual im Alltag
Was bei Olympiaschwimmer Lurz schon immer Teil des Alltags war, ist für viele gestresste Menschen ein Novum und erfordert dauerhaftes Umdenken: Bewegung oder Sport als eine Art Ritual in den Tag einzubauen. „Stress positiv zu managen bedeutet oft, an den eigenen Denkmustern zu arbeiten“, sagt Florian Wolf. „Um diesen Veränderungsprozess auszulösen, muss an bestimmten Stellschrauben gedreht werden, um die betroffene Person ins Tun zu bringen. Wichtig ist dabei, dass die Einstiegsbarrieren möglichst niedrig sind.“

„BEWEGUNG IST SEHR WICHTIG, UM STRESS GUT BEWÄLTIGEN ZU KÖNNEN.“

THOMAS LURZ

In einer Umfrage der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin aus dem Jahr 2012 geben 48 Prozent der Führungskräfte an, dass der von ihnen empfundene Stress in den vergangenen zwei Jahren zugenommen habe. Die Menge an Arbeit sei der Hauptgrund, warum der Druck zugenommen habe. Weibliche Führungskräfte (24 Prozent) empfinden diesen stärker als ihre männlichen Kollegen (19 Prozent). Fachlich fühlen sich nur 5 Prozent der Männer und Frauen in Leitungsfunktionen überfordert.
Vor allem Unternehmen können an diesem Punkt gegensteuern, indem sie ihr betriebliches Gesundheitsmanagement möglichst attraktiv, lehrreich und im Alltag praktikabel gestalten. Die Deutsche Bank setzt beispielsweise alle zwei Jahre einen thematischen Akzent: „2014 haben wir angefangen, ein Jahresthema Gesundheit zu etablieren“, sagt Dr. Markus Reimann, der bei der Deutschen Bank für diesen Bereich verantwortlich ist (siehe Interview unten). „Mittlerweile läuft das zum Thema angebotene Programm zwei Jahre, damit alle Mitarbeiter im Konzern in den unterschiedlichen Regionen und Divisionen ausreichend Zeit haben, die Angebote wahrzunehmen.“ Aktuell gibt es einen Schwerpunkt zum Thema Achtsamkeit.
Rolle des Arbeitgebers
Letztlich liegt es aber bei dem einzelnen Mitarbeiter selbst, ob er mitmacht. Rein rechtlich dürfen die Anreize des Arbeitgebers nicht weiter gehen, als etwa die Kursgebühr zu erstatten. Wieso werden Zielvereinbarungen nicht als Anreizinstrument genutzt, damit Mitarbeiter die betrieblichen Gesundheitsangebote wahrnehmen? „Würden wir das persönliche Engagement für die eigene Gesundheit in berufliche Zielvereinbarungen aufnehmen, wäre das ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte und den Datenschutz“, erläutert Reimann. „Außerdem müssen wir wertschätzen und tolerieren, wenn eine Führungskraft sich stattdessen entscheidet, private Sport- und Gesundheitsangebote zu nutzen. Darüber ist sie uns als Arbeitgeber keine Rechenschaft schuldig.“
Auf jeden Fall müssen die angestrebten Veränderungen im Umgang mit den persönlichen Stressverstärkern alltagstauglich sein, damit Betroffene Erfolgserlebnisse haben, wie Prof. Dr. Esch betont. Und damit sich Rückfälle in Grenzen halten. „Rückfälle sind unter besonders belastenden Bedingungen immer möglich, weil wir auf bewährte Überlebensmuster zurückgreifen“, sagt Florian Wolf. „Über Jahre angeeignete Denk- und Verhaltensmuster kann man nicht einfach ändern.“
Körpergefühl zurückgewinnen
Aber wie wird ein stressgeplagter Mensch zu einem Übenden, der das Gelernte in Stresssituationen selbstständig anwenden soll? Meist nicht aus eigener Kraft, sondern durch eine Diagnostik und ein Coaching, wie es etwa die Wolfs mit ihrer Firma YourPrevention™ anbieten. Das übergeordnete Ziel ist es, den Betroffenen innerlich zu festigen. Gleichzeitig soll er sein eigenes Körpergefühl zurückgewinnen, damit er körpereigene Warnsignale früh wahrnimmt und deuten kann. „Dafür werden im Coachingprozess gezielte Achtsamkeitsübungen gelernt, um die stressverarbeitenden Areale im Gehirn wieder positiv zu stimulieren und zu verändern“, erklärt Florian Wolf die Herangehensweise. „Nur wer innere Kraft – mental und körperlich – hat, kann nachhaltig an seinen persönlichen Stressverstärkern arbeiten.“ DFB-Sportpsychologe Hermann bezeichnet es als Fähigkeit, sich psychisch selbst regulieren zu können.
Ganz am Anfang der Zusammenarbeit mit dem Klienten stehen bei YourPrevention™ die Diagnostik und eine ausführliche Besprechung der individuellen Messergebnisse. Der medizinische Ansatz schafft bei den Klienten ein großes Vertrauen und überzeugt manchen Skeptiker, wie es Daniel Baumann* war, als er sich auf ein Coaching mit ­Florian Wolf einlässt. Eigentlich aus beruflicher Neugier, weil sein eigenes Unternehmen in einem ähnlichen Bereich tätig ist und der neurobiologische Ansatz neu für ihn ist.
Schnell wird klar, dass sein schwerer Autounfall im Jahr 2001, bei dem er ein Schleudertrauma erleidet, sich noch heute auf sein Leben auswirkt. Er nimmt seitdem dauerhaft Schonhaltungen ein, um Rücken und Hals zu entlasten. Die Waage zeigt immer mehr Kilos an. Seine Schlaflosigkeit wird zum Hauptthema im Coaching. „Die habe ich seit meinem Unfall nicht in den Griff bekommen“, erzählt Baumann. Schon morgens, wenn er aufsteht, ist sein Noradrenalinwert ungewöhnlich hoch.

Stärken, die auch Schwächen sind

Als die Messungen abgeschlossen sind, erhält er eine 20-seitige Auswertung über seine Person. Und er sieht die persönlichen Stresswerte, die auch teils seine für ihn typische Ungeduld im Leben widerspiegeln. Baumann, der vor der eigenen Unternehmensgründung lange Jahre als Interimsmanager in Führungspositionen in unterschiedlichen Konzernen gearbeitet hat, erkennt sich wieder. Mit seinen Schwächen, die gleichzeitig auch Stärken sind. „Ich habe unendlich Kraft und Energie, die ich in meine Arbeit stecke.“ Doch die HRV-Messung führt Baumann vor Augen, wie hoch der Preis dafür ist: „Ich habe gesehen, wie schlecht ich regenerieren kann und wie ich mich somit permanent selbst überschätze.“ Er will lernen, wie er seine Kräfte besser einteilen und wie er mehr in sich ruhen kann.

In Abstimmung mit Coach Florian Wolf entschließt sich Baumann vor knapp einem Jahr zu radikalen Änderungen in seinem Leben: Statt sich frühmorgens im Bett schlafsuchend von einer Seite auf die andere zu wälzen, steht der 62-jährige Unternehmer jetzt jeden Morgen um 4:45 Uhr auf und steigt für 30 Minuten auf den Stepper oder das Fitnessfahrrad. Er erlernt bewusste Atemtechniken, die gegen seine Schlaflosigkeit helfen: „Wenn man wirklich auf sein Atmen achtet, kann man an nichts anderes denken, was einem vom Schlafen abhält.“ Mittlerweile gehe er auch viel früher ins Bett. Statt der sonst üblich drei bis vier Stunden Schlaf komme er heute im Schnitt auf sechs Stunden.

Radikale Ernährungsumstellung
Gleichzeitig stellt er seine Ernährung auf komplett kohlenhydratfrei um. Er verliert etliche Kilos und erreicht sein Idealgewicht. Am Anfang des Veränderungsprozesses nimmt Baumann noch von Wolf empfohlene Nahrungsergänzungsmittel, „um gewisse Probleme in den Griff zu bekommen“, wie er es formuliert. „Das hilft, um aus der Spirale rauszukommen. Außerdem hat man Erfolgserlebnisse, die einem helfen, weiterzumachen.“ Jetzt brauche er diese Mittel aber nicht mehr.

Einen Rückfall habe er bislang nicht gehabt. Ganz im Gegenteil. Sein Umgang mit schwerwiegenden Krankheitsfällen in der Familie zeige ihm, dass er belastbarer und gelassener geworden sei, sagt Baumann. „Vorher wäre ich da noch in Panik geraten.“ Im Beruf habe er gelernt abzugeben. „Ich muss nicht alles selbst regeln. Und ich muss auch nicht alle Probleme sofort lösen. Ich nehme mir jetzt bewusster eine Pause und analysiere die Situation gründlicher.“
Durch die neurobiologischen Messungen weiß Baumann jetzt besser, wann er am Tag gut regenerieren kann. „Für mich ist meine beste Erholungsphase morgens zwischen 6:30 Uhr und 7:15 Uhr, wenn ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ins Unternehmen fahre und Zeitung lese. Lesen tut mir sehr gut, um zu regenerieren.“ In seinen Arbeitstag hat er etliche Mikropausen eingebaut: fünf Minuten, in denen er einfach nichts macht, außer bei sich selbst zu sein. „Komme ich wieder in Akutsituationen und drohe in alte Verhaltensmuster zurückzufallen, kann ich mich durch gezielte Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen runterfahren.“

Einmal Coach, immer Coach?
Seinen Coach Florian Wolf trifft Baumann noch einmal im Monat für eine Stunde auf Skype. Er empfindet die Gespräche mittlerweile mehr als Austausch. Braucht man als Übender ein Leben lang einen Coach, um nicht rückfällig zu werden? Nein, niemand brauche das, antwortet Florian Wolf. „Doch kommen wir in unseren Lebenszyklen immer wieder in Phasen, die für uns widrig sind. Punktuell hilft es dann, jemanden zu haben, der die Dinge von außen betrachtet, der für uns da ist und uns zuhört, ohne zu bewerten und zu urteilen.“

In seiner kritischen Phase damals im Spätsommer 2011 hört Fußballmanager Rangnick auf Ärzte, die mit ihm den ganzheitlichen Weg gehen wollen. Er gibt seinem eigenen Körper und dessen Selbstheilungskraft eine Chance. Er will nicht mit Psychopharmaka nachhelfen. Die Ärzte stellen fest, dass bei ihm Hormon- und Blutwerte komplett durcheinandergeraten sind. So durcheinander, dass seine körpereigenen Kraftwerke, die Mitochondrien, nur noch mit 70 Prozent Energie produziert haben. Ein Wert, den die Ärzte gegenüber Rangnick als sehr niedrig bezeichnen.

Selbstheilungskräfte nutzen und stärken
Den Selbstheilungsprozess unterstützt der damals 53-Jährige mit einem radikal geänderten Essverhalten. Er verzichtet ganz und gar auf Kohlenhydrate, um seinen eigenen Energiestoffwechsel wieder auf Trab zu bringen. Gleichzeitig räumt er der Nahrungsaufnahme wieder den Stellenwert in seinem Alltag ein, die sie eigentlich haben sollte. Nicht nur drei regelmäßige Mahlzeiten morgens, mittags und abends, sondern auch ein bewusstes Erleben der Essenaufnahme.

Bereits im Juni 2012 wagt sich Rangnick wieder zurück ins Fußballbusiness – als Sportdirektor des Bundesligisten RB Leipzig. Sein Comeback gelingt, auch als Trainer. Denn in der Saison 2018/2019 führt er RB Leipzig ins DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern.

„WIR SIND VON NATUR AUS FÄHIG, GESUND ZU SEIN“

Der renommierte Gesundheitswissenschaftler Prof. Dr. med. Tobias Esch erläutert im Gespräch mit positionen, wie sich Selbstheilungskräfte zum Abbau von Stress einsetzen lassen.

Mit Prof. Dr. Tobias Esch sprach Ina Lockhart. Fotos von Björn Wunderlich und Kay Gropp

positionen: Herr Professor Esch, Sie erforschen, wie wir unsere Selbstheilungskräfte nutzen können, um gesund zu werden und zu bleiben. Können Sie bitte kurz erklären, was das überhaupt ist – Gesundheit?

Prof. Dr. Tobias Esch: Es gibt drei Arten, wie wir Gesundheit definieren können. Die Weltgesundheitsorganisation spricht von einem Zustand des vollständigen Wohlbefindens. Vollständig bezieht sich auf die drei Ebenen psychisch, sozial und biologisch. Also eigentlich ein Idealzustand, den wir prinzipiell nicht erreichen werden. Folglich wären wir nach dieser Definition immer krank. Demgegenüber kann Gesundheit als Normalzustand begriffen werden. Wenn also ein Arzt anhand von Befunden und Laborwerten unter Berücksichtigung von relevanten Referenzwerten zu dem objektiven Schluss kommt, dass ein Mensch gesund ist. Die dritte Definition finde ich am interessantesten, weil sie auch am wenigsten verbreitet ist. Gesundheit ist demnach auch ein Individualzustand. Jeder Mensch interpretiert selbst und subjektiv und durchaus unabhängig von Arztmeinung und Befunden, ob er sich gesund oder nicht gesund fühlt.

positionen: Menschen sollten Ihrer Ansicht nach ihre Selbstheilungskompetenz stärken. Verfügt jeder über Selbstheilungskräfte?

Prof. Dr. Tobias Esch: Von Natur aus ist es unsere Voreinstellung, gesund zu sein. Wir sind von Natur aus fähig, ­gesund zu sein und wieder gesund zu werden.

Prof. Dr. med. Tobias Esch leitet in Witten die bundesweit erste Universitätsambulanz für Integrative Gesundheitsversorgung und Naturheilkunde. Zudem steht er an der Spitze des Instituts für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung in Witten. Sein Buch „Der Selbstheilungscode“ ist ein Ratgeber zur eigenen Selbstheilungskompetenz und wurde als ­Wissensbuch des Jahres nominiert.

positionen: Sie verfolgen einen sogenannten integrativen Gesundheitsansatz. Was verstehen Sie darunter?

Prof. Dr. Tobias Esch: Eine wichtige Grundlage für den integrativen Ansatz ist die Erkenntnis, dass der Mensch nicht entweder gesund oder krank ist, sondern dass er sich in einem Gesundheits- bzw. Krankheitskontinuum befindet. Der integrative Gesundheitsansatz ergänzt den klassischen Ansatz um die Säule der Selbsthilfekompetenz – das Verschieben in Richtung Gesundheit auf dem beschriebenen Kontinuum. Chronischer Stress beispielsweise boykottiert diese Bemühungen.

positionen: Können Sie uns aus neurobiologischer Sicht erklären, was Stress eigentlich ist?

Prof. Dr. Tobias Esch: Biologisch gesehen ist Stress ein Überlebensmechanismus aus der Zeit, in der Menschen noch Jäger und Sammler waren und sich in wilder Natur behaupten mussten. Kommen wir unter Stress, sorgen Botenstoffe dafür, dass körperliche Vorsichtsmaßnahmen vorgenommen werden. Das Blut wird dicker, um im Fall einer Verletzung nicht zu verbluten. Das Immunsystem wird hochgeregelt, um Infektionen von Wunden zu verhindern. Die Muskulatur spannt sich an, um Kopf und ­Genick bei einem möglichen Schlag zu stabilisieren.

positionen: Wie kann ein Mensch lernen, seinen Stress zu managen?

Prof. Dr. Tobias Esch: Strategien zum Stressmanagement müssen alltagspraktisch sein, auch damit der Betroffene in seinem Alltag das Erfolgserlebnis einer Besserung hat. Stressmanagement setzt bei vier Bereichen an: Bewegung, Entspannung, Ernährung und Verhalten. Rituale und Regelmäßigkeit sind hier wichtig. In der Summe sollte ein Mensch am Tag 20 Minuten mit innerer Einkehr und Entspannungseinheiten verbringen. Diese können aber in kleine Meditationsrituale oder Atemübungen aufgeteilt sein, die nur wenige Minuten dauern müssen. Bewegung muss ebenfalls kein schweißtreibender Sport sein, sondern das berühmte Treppenlaufen statt Aufzugfahren, längerer Fußweg vom geparkten Auto zum Arbeitsplatz und Ähnliches. Wichtig ist, dass Bewegung und auch das Essen ­bewusst erlebt werden.

positionen: Wie kann ich mein Verhalten ändern, um weniger Stress zu empfinden?

Prof. Dr. Tobias Esch: Das Aufbrechen kognitiver Stressmuster ist die Königsdisziplin. Darunter fällt beispielsweise das Grübeln über Vergangenes und sorgenvolle ­Annahmen über die Zukunft. Um sich hier zu ändern, braucht der Mensch auch soziale Unterstützung und Wertschätzung. Meditation, aber auch klassische Entspannungsmethoden helfen ebenfalls.

positionen: Inwiefern lässt sich messen, ob mein Stressmanagement erfolgreich war?

Prof. Dr. Tobias Esch: Dafür gibt es eine Vielzahl von Indikatoren. Beispielsweise die Rekonvaleszenzzeiten eines Menschen, die Häufigkeit von Neuerkrankungen, aber auch die Herzfrequenzvariabilität, die Größe des Mandelkerns als Stresszentrum im Gehirn, der Hautleitwiderstand oder etwa der Nachweis von Stresshormonen bzw. deren Abbauprodukten im Blut, Speichel oder Urin. Die Korrelationen wurden bereits in zahlreichen Studien untersucht.

positionen: Unterscheidet sich die Stressbelastung, unter der eine Top-Führungskraft steht, von der eines Mitarbeiters ohne Führungsaufgaben?

Prof. Dr. Tobias Esch: Das Kriterium, inwieweit ein Mensch seine Arbeit selbst gestaltet, kann einen deutlichen Unterschied in der Stressbelastung machen. Für Führungskräfte, die prinzipiell mehr Gestaltungsfreiheiten haben, ist das trotz hoher Arbeitsbelastung ein Schutzfaktor. Bei Mitarbeitern ohne Führungsaufgaben kommt es dagegen häufig zu der ungesunden Kombination aus hoher Arbeitsbelastung und wenig Einflussmöglichkeiten.

positionen: Gibt es auch Unterschiede der Belastung zwischen Mann und Frau?

Prof. Dr. Tobias Esch: Ja, wenn es darum geht, wie gut man von seiner Arbeit abschalten kann. Diese Fähigkeit ist mitunter bei Frauen nicht ganz so ausgeprägt wie bei Männern. Allerdings haben solche Feststellungen auch etwas mit soziokulturell geprägten Rollenbildern und Verhaltensmustern zu tun. Schaut man sich Strategien der Stressbewältigung näher an, gibt es ebenfalls Unterschiede: Bei Männern steht Sport an erster Stelle, bei Frauen eher das Gespräch. Aber Achtung: Hier können ebenfalls Stereotype dahinterstecken – wir sehen Angleichungstendenzen, bei Frauen spielt Sport heute eine zunehmend große Rolle!

positionen: Vor etwa einem halben Jahr haben Sie in Witten eine Ambulanz für Integrative Gesundheitsversorgung eröffnet, deren Leistungen von privaten und gesetzlichen Krankenkassen anerkannt sind. Welche Behandlung bieten Sie an?

Prof. Dr. Tobias Esch: Bei uns werden die Patientengespräche nicht in den sonst üblichen Slots von drei bis acht Minuten abgehandelt. Wir nehmen uns mehr Zeit: Eine halbe Stunde spricht der Arzt mit dem Patienten, er oder sie wird ausführlich untersucht, eine weitere halbe Stunde arbeitet der Case Manager den Fall mit dem Patienten auf – viele Patienten kommen ja mit dicken Akten ihrer Krankheitsgeschichte zu uns. Schließlich kommt dann noch der Experte für Gesundheitsförderung zu einem weiteren Gespräch dazu: Wir machen uns ein ausführliches Bild, was Lebensstil, Ernährung, Verhalten, Bewegung und Entspannung angeht.

positionen: Wie geht es nach dem Erstgespräch weiter?

Prof. Dr. Tobias Esch: Ein gutes Drittel der Patienten geht für acht Wochen in eine Gruppe, um zu lernen, was man selbst für seine Gesundheit tun kann. Die übrigen Patienten werden primär ärztlich weiter betreut oder bekommen ausgewählte naturheilkundliche Therapieangebote. Oder auch digitale Hilfen wie etwa unsere „7Mind-App“ als Unterstützungsangebot. Die Treffen in den Gruppen vor Ort sind wöchentlich und dauern zwei Stunden. Die ersten Gruppen sind bereits abgeschlossen und die Resultate, d. h. die Veränderungen auf Seiten der Patienten, decken sich mit der wissenschaftlichen Lage, also auch mit unseren Erwartungen. Aber noch viel eindrucksvoller sind die persönlichen Schilderungen der Patienten. Man sieht ihnen an, dass sich etwas positiv bewegt – das motiviert ungemein für diese Art der Arbeit.

positionen: Herr Professor Esch, wir danken Ihnen für das Gespräch.

„ES KOMMT AUF DIE REGENERATIONSMÖGLICHKEITEN AN“

Mit dem Sportpsychologen der deutschen Fußballnationalmannschaft, Dr. Hans-Dieter Hermann, sprach Ewald Manz.

Foto Johannes Simon/picture alliance

positionen: Herr Dr. Hermann, als Teamsportpsychologe unterstützen Sie die Spieler, damit diese auch mental leistungsfähig bleiben. Wie genau machen Sie das?

Dr. Hans-Dieter Hermann: Durch Training im Kopf und für den Kopf, also zum Beispiel mithilfe von Trainings zur Konzentrationssteigerung, zur Entscheidungsfähigkeit oder auch zur Aktivationsregulation von Spannung und Entspannung. Das kann zunächst als Übung allein oder in der Gruppe gemacht werden. Dabei können auch technische Hilfsmittel eingesetzt werden, auch, wenn die Trainerin bzw. der Trainer es einbauen möchte, im Rahmen des Trainings auf dem Platz. Ziel ist immer, dass Spielerinnen und Spieler letztlich die Techniken selbstständig einsetzen können, also sich psychisch selbst regulieren können..

positionen: Was sind für Sie warnende Anzeichen, dass ein Spieler vom Kopf her nicht mehr leistungsfähig ist?

Dr. Hans-Dieter Hermann: Die Kombination aus ungewohnten Fehlern, erhöhter, unverhältnismäßiger Aggressivität und schlechter Regeneration.

positionen: Ist Stress per se schlecht, wenn es um die Leistungsfähigkeit von Top-Sportlern geht?

Dr. Hans-Dieter Hermann: Der Urvater des Stressbegriffs, Hans Selye, nannte Stress „die Würze des Lebens“. Es käme nur auf die Dosis an. Ich würde noch ergänzen, dass es auch auf die Regenerationsmöglichkeiten und -fähigkeiten ankommt. Anders ausgedrückt: Eine moderate Form von Stress ist aus psychologischer und physiologischer Sicht für Top-Sportler sogar die Voraussetzung für Höchstleistung. Nur gilt auch hier wie in jedem Trainingsplan: Die Erholung muss gewährleistet sein. Dann führt kurzzeitig erlebter Stress nicht zu negativen Konsequenzen im Sinne von Leistungseinbrüchen oder gar längerfristig zu Krankheit.

Dr. Hans-Dieter Hermann ist seit 2004 Sportpsychologe der deutschen Fußballnationalelf und begleitete die Mannschaft bei den zurückliegenden drei Europameisterschaften und vier Weltmeisterschaften (WM) – den Titelgewinn bei der WM in Brasilien eingeschlossen. Neben diesem Höhepunkt seiner Karriere ­erinnert sich der 59-jährige promovierte Psychologe besonders gern an die Stimmung im Bus nach dem Spiel um Platz drei bei der WM 2006. Vor seiner Tätigkeit für den DFB betreute Hermann Olympioniken aus über 20 Sportarten im In- und Ausland, zudem ­betreibt er eine Praxis für Sportpsychologie in Schwetzingen.

positionen: Wie helfen Sie Spielern, dass sie mit dem Stress des öffentlichen Leistens umgehen können?

Dr. Hans-Dieter Hermann: Dafür gibt es eine ­Vielzahl an Methoden, denn das erste Ziel der Sportpsychologie ist immer die mentale Gesundheit der Spieler und erst dann kommt die Steigerung der Leistung. Die sportpsychologische Basismethode für Stresssituationen ist ein gut vorbereitetes Training unter hoher psychischer Beanspruchung, das sogenannte Prognosetraining. Hierbei lernen Spielerinnen und Spieler im Training, mit Drucksituationen umzugehen und Strategien zu entwickeln, die sie im Ernstfall einsetzen können.n.

positionen: Ein Spieler bräuchte eine psychologische Pause, muss aber dranbleiben, damit er nicht seine Position im Team verliert. Wie gehen Sie mit diesem Widerspruch um?

Dr. Hans-Dieter Hermann: Wenn er psychisch erschöpft ist, gibt es keine Wahl: Er muss pausieren. Erschöpft würde er auf Dauer ohnehin keine gute Leistung bringen und die Position im Team wäre früher oder später sowieso gefährdet. Wichtig hierbei ist vor allem, wie der Trainer reagiert, wenn der Spieler die Thematik vertraulich bei ihm anspricht. Sportpsychologisch kann man in solchen Situationen beide Seiten unterstützen, dann haben der Spieler, der ­Trainer und auch die Mannschaft letztlich einen Gewinn.

positionen: Brauchen Frauen und Männer als Leistungssportler unterschiedliche Arten von Mentaltraining?

Dr. Hans-Dieter Hermann: Nein, hier gibt es keine Genderunterschiede. Allerdings zeigen Forschung und Erfahrung, dass Frauen vom klassischen mentalen Training, also dem Training mit inneren Bildern, mehr und nachhaltiger profitieren als Männer.

positionen: Bitte erlauben Sie uns noch eine persönliche Frage: Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken, was war für Sie der größte Erfolg? Gibt es ein Erlebnis, das Sie besonders in Erinnerung haben?

Dr. Hans-Dieter Hermann: Sie meinen für die Zeit bei der Fußballnationalmannschaft? Ich erlebe es als größten Erfolg, dass mir in all den Jahren seit 2004 beide Seiten, also Trainer und Spieler, immer vertraut haben. Aber es gab auch Dramatisches: Das einschneidendste Erlebnis war sicherlich der Suizid von Robert Enke. Er beschäftigt mich bis heute.

positionen: Herr Dr. Hermann, vielen Dank für das Gespräch.

„LERNEN, SELBSTREGULIEREND MIT STRESS UMZUGEHEN“

Dr. Markus Reimann wacht bei der Deutschen Bank über die Gesundheit der Mitarbeiter. Alle zwei Jahre stehen bestimmte Themen im Fokus wie aktuell „Achtsamkeit“.

Mit Dr. Markus Reimann sprach Ina Lockhart. Foto von Mario Andreya

positionen: Herr Dr. Reimann, seit 2012 sind Sie in der Deutschen Bank für das betriebliche Gesundheitsmanagement verantwortlich. Davor gab es bereits gesundheitsbezogene Angebote für die Mitarbeiter, aber nicht so strukturiert. Was hat sich konkret verändert?

Dr. Markus Reimann: Im Wesentlichen sind es drei Punkte: Erstens haben wir ein Netzwerk aus Gesundheitspaten etabliert. Das sind Kollegen aus der Personalabteilung, die aber nicht in der Zentrale, sondern in den Regionen und Divisionen arbeiten. Über sie vermarkten wir unsere Gesundheitsangebote. Zweitens kam es zum stärkeren Schulterschluss mit unserer betriebseigenen, in Düsseldorf ansässigen Krankenkasse, zum Beispiel bei der Entwicklung des „Jahres­themas Gesundheit“. Drittens haben wir unsere Zusammenarbeit mit den Kollegen der Arbeitssicherheit verbessert.

positionen: Wie individuell erfolgt die gesundheitliche ­Betreuung der Mitarbeiter?

Dr. Markus Reimann: Seit 2008 bieten wir allen unseren Mitarbeitern ab 40 einen individuellen Gesundheitscheck an. Für Führungskräfte der ersten beiden Führungsebenen, also Managing Director und Director, gibt es dieses Angebot bereits seit Mitte der 1990er-Jahre ohne Altersbeschränkung. Während Führungskräfte ­diese mehrstündige, umfassende Untersuchung alle zwei Jahre in Anspruch nehmen können, steht sie allen anderen Mit­arbeitern ab 40 alle drei Jahre offen. Der ­Umfang der ­Untersuchung ist für beide Mitarbeiter­gruppen identisch.

Dr. Markus Reimann

Über seine Spezialisierung im Arbeitsrecht kam Dr. Markus Reimann im Jahr 2000 in die Personalabteilung der Deutschen Bank. „Mich interessiert der Mensch mehr als der Fall“, sagt der Jurist von sich selbst. Seit 2012 verantwortet der 48-Jährige das Betriebliche Gesundheitsmanagement.

positionen: Welche Rolle spielt Prävention im Hinblick auf die mentale Gesundheit?

Dr. Markus Reimann: Wir versuchen mit unseren Angeboten den Mitarbeitern Ideen und Kompetenzen zu vermitteln, wie sie selbstregulierend mit Stress umgehen können. Sie werden sich beispielsweise klar darüber, worüber sie sich und wie schnell sie sich über Dinge ärgern. Und wie sie diesen Stress besser steuern können. Sie lernen auch, sich besser zu artikulieren, um Stresssituationen zu vermeiden oder mittelfristig positiv zu verändern.

positionen: Gibt es ein konkretes Angebot zum Thema Stressmanagement und wie sieht dieses aus?

Dr. Markus Reimann: Für 2019 und 2020 lautet unser Jahresgesundheitsthema „Achtsam durch den Tag“. Speziell für Führungskräfte bietet die Bank ein Resilienztraining an. Sie können dabei lernen, wie sie ihre eigenen Resilienzen stärken. Sie trainieren aber auch, wie sie das von ihnen geführte Team resilienter machen können.

positionen: Wie vertraulich wird mit den Gesundheitsinformationen umgegangen – gerade, wenn es vielleicht Hinweise auf ein Problem gibt, das die Arbeitsleistung eines Mitarbeiters beeinträchtigt?

Dr. Markus Reimann: Prinzipiell gilt, dass ich als Gesundheitsmanager und die Bank als Arbeitgeber davon nichts erfahren darf. Informationen zur individuellen gesundheitlichen Verfassung dürfen nicht weitergegeben werden. Das deutsche Recht räumt dem Schutz sensibler Daten wie solchen über die individuelle Gesundheit zu Recht ­einen hohen Stellenwert ein. Insofern ist es wichtig, die bestehenden Angebote des Gesundheitsmanagements immer wieder zu bewerben. Betroffene Mitarbeiter können zum Beispiel schnelle Hilfe finden beim betriebsärztlichen Dienst, der auch Psychologen beschäftigt.

„FÜR 2019 UND 2020 LAUTET UNSER JAHRESGESUNDHEITSTHEMA ‚ACHTSAM DURCH DEN TAG‘. “

positionen: Haben Sie die Wirksamkeit des betrieblichen ­Gesundheitsmanagements untersucht?

Dr. Markus Reimann: Der regelmäßige Gesundheitscheck liefert pro Jahr über 3.000 bis 4.000 Untersuchungsergebnisse. In aggregierten Längsschnittbetrachtungen konnten die Präventivmediziner uns so verlässliche ­Hinweise geben, dass sich der durchschnittliche Gesundheitszustand der Teilnehmer deutlich verbessert hat. Bei 250 Mitarbeitern haben wir dank dieser regelmäßigen Untersuchung vorher nicht erkannte koronare Erkrankungen und somit ein erhöhtes Herzinfarkt- bzw. Schlaganfallrisiko feststellen können.

positionen: Lässt sich dieses Untersuchungsergebnis auch in einer Kennziffer auf den Punkt bringen?

Dr. Markus Reimann: Wir haben den ROI, also die Kapitalrendite, errechnet. Die Check-ups amortisieren sich bereits im ersten Durchlauf und der ROI liegt bei 1,6. Für ­jeden Euro, den die Bank in ihr Gesundheitsmanagement investiert, bekommt sie 1,60 Euro zurück.

positionen: Erlauben Sie uns zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Nehmen Sie selbst betriebliche Gesundheitsangebote wahr?

Dr. Markus Reimann: Ich bin ein begeisterter Teilnehmer des Gesundheitschecks. Prinzipiell hat mich das Ergebnis in dem, wie ich mich fit halte, bestätigt. Ein Erkenntnisgewinn für mich als passionierter Läufer war der Hinweis des Arztes, dass ich mit gezieltem Krafttraining den altersbedingten Muskelabbau kompensieren muss.

positionen: Herr Dr. Reimann, vielen Dank für das Gespräch.

AUS DEM EXECUTIVE SEARCH

KOMMENTAR

In den vergangenen Jahren hat das Gesundheitsbewusstsein bei Führungskräften enorm zugenommen. So ist es heute fast eine Selbstverständlichkeit, dass Manager als Ausgleich für ihre berufliche Tätigkeit einem Sport nachgehen – sei es Joggen, Radfahren oder Yoga – und auf eine gesunde Ernährung achten, um leistungsfähig zu sein. Auch die Unternehmen tragen bereits seit vielen Jahren zur gesundheitlichen Prävention ihrer Führungskräfte bei, zum Beispiel mit regelmäßigen Gesundheits-Check-ups oder betrieblichen Sportangeboten einschließlich Corporate-Läufen. Wenn es um die Besetzung von Top-Positionen geht, spielen diese Themen in unseren Gesprächen mit Klienten und Kandidaten faktisch keine Rolle. Entsprechende Maßnahmen werden von beiden Seiten einfach vo­rausgesetzt.
Von zunehmender Bedeutung sind für Unternehmen jedoch die mentale Gesundheit ihrer Manager sowie ihre Fähigkeit zur Resilienz. Wie Menschen sich selbst managen und mit Stresssituationen umgehen, hängt dabei ganz wesentlich von ihrer Persönlichkeit ab. Daher werden wir von unseren Klienten immer öfter darum gebeten, bei der Besetzung einer Führungsposition auch Methoden der Managementdiagnostik einzusetzen, um mehr über die Persönlichkeitseigenschaften der Kandidaten in Erfahrung zu bringen. So lässt sich das Führungsverhalten eines potenziellen Kandidaten besser einschätzen und das Risiko einer Fehlbesetzung minimieren. Auch die Manager selbst achten mehr auf ihre mentale Gesundheit und wollen ihre Resilienz stärken. Das beobachte ich vor allem im Rahmen meiner Coaching-Mandate. In Business Coaching-Situationen sind die Gespräche mit Führungskräften in der Regel offener und persönlicher.

Christine Kuhl ist Partner bei Odgers Berndtson Deutschland
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Hier sprechen wir oft auch über konkrete Maßnahmen zum Stressabbau – neben regelmäßigem Sport können dies ganz einfache Verhaltensänderungen sein wie „Abendspaziergang statt E-Mails checken“ oder „Buch statt iPad vor dem Schlafengehen“ etc. Top-Manager nutzen Coaching-Gespräche auch zum Sparring und dazu, einmal ehrlich den Spiegel vorgehalten zu bekommen – eine Situation, die auf C-Level leider noch eher selten ist.

Fotos: Frank Blümer; iStockphoto, PeopleImages; © Björn Wunderlich – bjoernwunderlich.de (im Auftrag des Beltz-Verlags); Kay Gropp (im Auftrag der Universität Witten/Herdecke); picture-alliance, Johannes Simon; Mario Andreya

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