POSITIONEN

EXECUTIVE SEARCH IM RÜCKVERSICHERUNGSMARKT

Finanzmärkte sind global. Dies gilt vor allem für das Geschäft der Rückversicherer. Sie verteilen die Last großer Risiken, wie etwa aus Naturkatastrophen, auf mehrere Versicherer weltweit. Da die Vertragsbedingungen individuell ausgehandelt werden, haben Rückversicherer eine hohe Expertise in der adäquaten Risikobewertung entwickelt. Dazu benötigen sie Spezialisten und Führungskräfte aus den unterschiedlichsten Bereichen – idealerweise mit einer globalen Expertise.

Von Kathrin Lochmüller

Rückversicherer sind Spezialisten für große Risiken. Sie nehmen Erstversicherern, die an Privatpersonen und Unternehmen Versicherungsschutz verkaufen, die Belastung durch besonders hohe Schäden ab. Diese können zum Beispiel durch Naturkatastrophen wie Stürme, Überschwemmungen oder Erdbeben entstehen, aber auch durch Feuer in Industrieanlagen oder Haftpflichtschäden durch Medikamente oder fehlerhaftes Baumaterial.

Rückversicherer agieren global

Rückversicherungen sind seit jeher international ausgerichtet und haben eine lange Tradition. Die ältesten bekannten Rückversicherungen gehen auf das 14. Jahrhundert in Italien zurück, wo sie vor allem zur Absicherung von Seetransportrisiken eingesetzt wurden. Inzwischen hat sich die internationale Rückversicherung zu einer hoch spezialisierten Finanzdienstleistung entwickelt. Durch sie werden große Risiken global gestreut und damit erst versicherbar. Die Rückversicherer ihrerseits verteilen über sogenannte Retrozessionen übernommene Großrisiken auf andere Risikoträger.
Hurrikan Katrina sorgte 2005 beispielsweise für Schäden von 75 Milliarden Dollar. Und doch wurden nur sehr wenige Versicherer wegen des Sturms insolvent, fast alle hatten ausreichenden Rückversicherungsschutz. Die Schadenslast teilten sich mehrere Rückversicherer weltweit unterei­nander auf und nahmen diese in „verdaulichen Häppchen“ in ihre Schadensbilanzen. Auf diese Weise ermöglichten sie, dass die Erstversicherer die Extremschäden bezahlen und die zerstörten Städte nach der schweren Katastrophe wieder aufgebaut werden konnten.

„GEFRAGT SIND PERSÖNLICHKEITEN, DIE ÜBER UMFANGREICHE INTERNATIONALE ERFAHRUNGEN VERFÜGEN UND EINE GLOBALE SICHT AUF DAS GESCHÄFT HABEN.“

Christiane Pietsch

Christiane Pietsch
ist Partner bei Odgers Berndtson und hat sich auf die Besetzung von Top-Managementpositionen im Segment Versicherungen spezialisiert. Seit fast 25 Jahren besetzt sie hier Positionen der obersten Führungsebenen in Deutschland und der Schweiz. Aufgrund ihrer profunden Branchenkenntnisse ist sie eine exzellente Sparringspartnerin für alle Personal- und Managementthemen innerhalb des Versicherungssektors.
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Markt mit vielfältigem Wachstumspotenzial

Nach Schätzungen lagen die durch Naturkatastrophen sowie Menschen verursachten Schäden für die Versicherungswirtschaft mit 79 Milliarden US-Dollar im vergangenen Jahr auf dem vierthöchsten Stand in der Geschichte. Die insgesamt entstandenen wirtschaftlichen Kosten von geschätzten 155 Milliarden US-Dollar zeigen, dass der Markt noch deutliches Potenzial hat, denn nur gut die Hälfte der Schäden war versichert. Ein entsprechendes Wachstum wird vor allem in den neuen Märkten des asiatisch-pazifischen Raums erwartet, wo bislang nur 20 Prozent aller ökonomischen Werte versichert sind.
Auch die Digitalisierung bietet Wachstumspotenziale für Rückversicherer. So tragen neue Technologien wie künstliche Intelligenz dazu bei, dass Datenanalysefähigkeiten und Instrumente für Risikobewertung, Schadenverhütung und Schadenbearbeitung verbessert werden. Neben Effizienzgewinnen entstehen aber auch ganz neue Produkte für bisher nicht versicherte Risiken, etwa für Epidemien oder Bedrohungen durch Cyberkriminalität. In solchen ungesättigten Märkten gibt es ein großes Wachstumspotenzial. Beispielsweise sind im Netz derzeit nur etwa ein Prozent der Verluste weltweit versichert.

Branchenkenntnisse und internationaler Background
Die Anforderungen an Führungskräfte in der Rückversicherungsbranche sind angesichts der wachsenden globalen Risiken vielfältig. „Top-Manager von Rückversicherungsunternehmen müssen sich in einem stark international geprägten Umfeld sicher bewegen können und in der Lage sein, Führungskräfte und Mitarbeiter an den verschiedensten Standorten erfolgreich zu führen“, sagt Christiane Pietsch, Partner bei Odgers Berndtson und langjährige Expertin für Versicherungen. Dies stellt hohe Anforderungen an die interkulturelle Kompetenz der Personen. Von erheblicher Bedeutung ist darüber hinaus die Fähigkeit, die Chancen und Risiken neuer Geschäftsfelder richtig einschätzen zu können und die erfolgreiche Umsetzung von Maßnahmen zu ihrer Erschließung zu gewährleisten. „Gefragt sind daher Persönlichkeiten, die über umfangreiche internationale Erfahrungen verfügen und eine globale Sicht auf das Geschäft haben“, erläutert Pietsch, die seit fast 25 Jahren Top-Führungspositionen im Versicherungssektor besetzt. „Gefordert ist zudem ein tiefes Verständnis für das Kerngeschäft. Aufgrund der Spezialkenntnisse, die man für die Führung eines Rückversicherers benötigt, kommen geeignete Kandidaten daher fast ausnahmslos aus der Versicherungsbranche selbst“, so die Beraterin.

Komplexer internationaler Suchprozess

Ein Besetzungsprozess für eine Top-Position in einem börsennotierten Rückversicherer muss diese Anforderungen in jeder Phase des Verfahrens berücksichtigen und vor allem global ausgerichtet sein. Hier profitiert Odgers Berndtson von seinen international vernetzten Industry Practices, in denen die Berater weltweit in derzeit 29 Ländern an 62 Standorten zusammenarbeiten. So werden Länder und Büros, die für die Besetzung der Top-Führungsposition relevant sind, von vornherein in den Suchprozess eingebunden. Im Zuge dessen wird eine Long- und Shortlist für den Klienten erstellt. Diese basiert auf fundierten Auswahlgesprächen zu den bisherigen Erfahrungen, Kenntnissen und Fähigkeiten der Kandidaten. Umgekehrt erhalten die Kandidaten in diesen Gesprächen die Möglichkeit, alle wichtigen Fragen zur offenen Position zu klären.
Wichtig ist während des gesamten Suchprozesses der Vertrauensschutz der Kandidaten, der dem durchaus nachvollziehbaren Informationswunsch der Stakeholder gegenübersteht. „Trotz des engen Marktes muss es in jeder Phase des Verfahrens sichergestellt sein, dass nicht berücksichtigte Kandidaten unbeschadet in ihrer bisherigen Position weiterarbeiten können“, sagt Pietsch.
Die Begleitung eines globalen Besetzungsprozesses für einen Rückversicherer erfordert sehr gute Branchenkenntnisse und eine hohe Sensibilität für verschiedene Kulturen. Mit einer größtmöglichen Transparenz, einem klaren Prozessplan, der alle Projektmeilensteine umfasst, sowie einem straffen Projektmanagement gelingt es, in diesem Umfeld die beste Besetzung zur Zufriedenheit aller beteiligten Personalentscheider und der einbezogenen Kandidaten zu erzielen.

„MICH FASZINIERT DIE GESELLSCHAFTLICHE RELEVANZ DER RÜCKVERSICHERER“

Im Rahmen seines MBAs lernte Jean-Jacques Henchoz die Swiss Re kennen und entschied sich für einen Einstieg in die Versicherungsbranche. Seitdem ist der Schweizer von der Vielseitigkeit und Internationalität des Rückversicherungsgeschäfts fasziniert. Angesprochen von Odgers Berndtson hat er im Mai dieses Jahres nun den Vorstandsvorsitz der Hannover Rück SE übernommen.

Mit Jean-Jacques Henchoz sprach Christiane Pietsch. Fotos von Frank Blümler

positionen: Herr Henchoz, Sie sind seit mehr als 20 Jahren in der Rückversicherungsbranche tätig, mehrheitlich bei der Swiss Re. Was fasziniert Sie an der Branche?
Jean-Jacques Henchoz: Ich bin relativ spät, erst mit 34 Jahren, in die Branche gekommen. Damals wie heute begeistern mich die Vielseitigkeit und die Internationalität des Geschäfts. Es ist eine Branche, die multidisziplinär in den verschiedensten Bereichen tätig ist und die – eigentlich schon seit dem 19. Jahrhundert – wirklich global agiert. Außerdem fasziniert mich die gesellschaftliche Relevanz der Rückversicherung. Durch sie werden große Investitionen in so wichtige Bereiche wie Industrietechnologie oder Klimaschutz erst möglich.
positionen: Seit Anfang Mai dieses Jahres sind Sie Vorstandsvorsitzender der Hannover Rück. Was hat Sie als Schweizer zu dem Wechsel nach Hannover bewogen? Was reizt Sie an Ihrer aktuellen Position?
Jean-Jacques Henchoz: Ich habe die Hannover Rück schon seit Langem als Wettbewerber beobachtet und immer wieder gedacht: Das ist eine erstklassige Adresse! Die Hannover Rück ist über die Jahre stets überdurchschnittlich gewachsen, hat aber trotzdem ihren Fokus auf Qualität bewahrt. Wir sind sehr viel kundenorientierter als die meisten anderen in der Branche und besitzen eine hohe Flexibilität und Agilität. Deshalb musste ich auch nicht lange zögern, hierherzukommen.
positionen: Eine Stellenbesetzung für ein börsennotiertes Unternehmen ist immer eine Gratwanderung zwischen dem Vertrauensschutz des Kandidaten und dem Informationswunsch vieler Stakeholder. Wie haben Sie dieses Spannungsfeld in Ihrem Besetzungsverfahren erlebt?
Jean-Jacques Henchoz: Die Branche ist klein, man kennt sich. Insofern sind meine häufigeren Reisen nach Hannover tatsächlich etwas erklärungsbedürftig gewesen. Ich hatte aber mit Ihnen, mit der Hannover Rück und der Talanx von Anfang an eine sehr vertrauensvolle Basis. Das war die entscheidende Vorbedingung. Der gesamte Prozess ist sehr gut und professionell gelaufen.
positionen: Was sind aus Ihrer Sicht die erfolgskritischen Faktoren bei der Besetzung der Position des Vorstandsvorsitzenden für eine Rückversicherungsgesellschaft?
Jean-Jacques Henchoz: Es gibt hier kein einheit­liches Profil, das ist sehr stark von der Versicherungsgesellschaft abhängig, also davon, welche strategische Positionierung und welche Unternehmenskultur sie hat. Sicherlich ist eine langjährige Markterfahrung, wie ich sie mitbringe, von Vorteil, ebenso eine ausgeprägte internationale Perspektive. Wichtig sind aber auch Erfahrungen im Change-Management, denn sowohl die Erstversicherer als auch die Rückversicherer befinden sich derzeit in einem Umfeld mit hoher Veränderungsdynamik. Offenheit für Neues sowie Anpassungsfähigkeit sind ebenfalls hilfreich und da das Rückversicherungsgeschäft nach wie vor ein „People Business“ ist, sollte man auch über Empathie sowie gute Kommunikationsfähigkeiten verfügen.
positionen: Rückversicherung ist ein Spezialmarkt. Können Sie unseren Lesern erläutern, was ein Rückversicherer genau macht?
Jean-Jacques Henchoz: Eine Rückversicherung ist die „Versicherung der Versicherungen“. Wir sind Experten für komplexe Großrisiken und schützen Erstversicherer auf der ganzen Welt im Falle von Großschadenereignissen wie Naturkata­strophen, Flugzeugabstürzen oder Industrieunfällen. Auf diese Weise stellen wir die Resilienz der Versicherungswirtschaft sicher. In den letzten 20 bis 30 Jahren hat sich der Rückversicherungsmarkt im Bereich der Lebensversicherung stark entwickelt; hier unterstützen die Rückversicherer vor allem beim Kapitalmanagement und bei der Produktentwicklung.
positionen: Die Hannover Rück gehört wie Ihr vorheriger Arbeitgeber, die Swiss Re, zu den größten Rückversicherern weltweit. Sie werben mit dem Slogan „somewhat different“. Was macht Ihr Unternehmen anders als andere Rückversicherer?
Jean-Jacques Henchoz: Dass sich die Hannover Rück aus meiner Sicht von ihren Wettbewerbern vor allem durch ihre Flexibilität und Agilität unterscheidet, habe ich schon erwähnt. Das zeigt sich konkret in der Fähigkeit, schnell und pragmatisch maßgeschneiderte Lösungen für die Kunden anbieten zu können, also wirklich kundenorientiert zu denken und zu handeln. Dieses Feedback bekommen wir auch von unseren Maklern weltweit, die unsere kurzen Entscheidungsprozesse und hohe Anpassungsfähigkeit sehr zu schätzen wissen.

Odgers Berndtson-Partner Christiane Pietsch im Gespräch mit Jean-Jacques Henchoz.
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Jean-Jacques Henchoz

ist seit mehr als 20 Jahren in der Rückversicherungsbranche tätig. Nach seinem Studium der Politikwissenschaften und Tätigkeiten im öffentlichen Sektor stieg der heute 54-jährige Schweizer bei der Swiss Re ein. Hier hatte er zunächst verschiedene leitende Positionen im In- und Ausland inne, bevor er 2011 die Leitung der Region Europa, Mittlerer Osten und Afrika (EMEA) der Swiss Re übernahm und in dieser Region sowohl für das Personen- wie das Schadenrückversicherungsgeschäft verantwortlich war. Von 2012 an war er in dieser Funktion auch Mitglied der Konzernleitung der Swiss-Re-Gruppe. Anfang April 2019 wechselte Henchoz zur Hannover Rück SE, wo er im Mai den Vorstandsvorsitz übernommen hat. Er ist damit einer der wenigen Konzernchefs in einem deutschen Großunternehmen mit einem Schweizer Pass.

positionen: Ihr Unternehmen gehört zu gut 50 Prozent zum Talanx-Konzern, der Rest befindet sich im Streubesitz. Welche Konsequenzen hat dies für die Gestaltung der Corporate Governance?
Jean-Jacques Henchoz: In einem langfristigen Geschäft wie der Rückversicherung ist es sehr gut, einen Ankerinvestor wie die Talanx zu haben, die ebenfalls sehr langfristig orientiert ist. Die Corporate Governance in dieser Struktur unterscheidet sich aber nicht wesentlich von der in anderen börsennotierten Unternehmen. Wichtig ist, dass man als Führungsgremium Transparenz schafft und im Interesse aller Aktionäre handelt. Für mich persönlich hat die Talanx als Haupteigentümer aber den Vorteil, dass wir die Perspektive der Erstversicherer, also die Perspektive ­unserer Kunden, besser verstehen und dadurch einschätzen können, was die wirklichen Trends und Anliegen unserer Kunden sind. So hoffe ich, dass wir auch zukünftig besser in der Lage sein werden, die Marktbedürfnisse zu decken und geeignete Lösungen anzubieten.
positionen: Naturkatastrophen wie der Sturm „Friederike“ oder der Hurrikan „Florence“ haben in den letzten Jahren – gefühlt – stark zugenommen. Wie wirken sich solche Ereignisse auf das Geschäft von Rückversicherern aus?
Jean-Jacques Henchoz: Die Tendenz bei den Naturkatastrophen ist in der Tat steigend – sowohl in ihrer Frequenz als auch im Ausmaß der Schäden. Die Schadenbelastung für Rückversicherer ist viel höher als noch vor 30 oder 40 Jahren. Ein Grund hierfür ist der Klimawandel, das lässt sich längst nicht mehr negieren. Auch die Rückversicherer haben dies seit Langem erkannt. Der Katastrophenschutz ist also teurer, was wir in unseren Produkten und in unserer Tarifierung entsprechend berücksichtigen müssen. Gleichzeitig ist das Wettbewerbsumfeld jedoch extrem kompetitiv, was die Preise unter Druck bringt. Die Preisgestaltung wird für uns so zunehmend anspruchsvoller.

Hannover Rück SE

Die Hannover Rück SE ist eine Rückversicherungsgesellschaft mit Hauptsitz in Hannover und gehört mehrheitlich zum Talanx-Konzern, welcher 50,2 Prozent der Aktien hält. Die übrigen Aktien der im MDAX der Deutschen Börse notierten Gesellschaft befinden sich im Streubesitz. Mit einem Prämienvolumen von mehr als 19 Mrd. Euro gehört die Hannover Rück zu den vier größten Rückversicherern weltweit. Sie betreibt alle Sparten der Schaden- und Personen-Rückversicherung und verfügt über ein Netzwerk von Tochter- und Beteiligungsgesellschaften, Niederlassungen und Repräsentanzen auf allen fünf Kontinenten mit mehr als 3.300 Mitarbeitern.

positionen: Welche Herausforderungen sehen Sie noch durch die zunehmenden Naturkatastrophen?
Jean-Jacques Henchoz: Für mich ist beim Katas­trophenschutz die Deckungslücke, auch „Protection Gap“ genannt, das zentrale Thema, also die Unterversicherung der Menschen – vor allem in ärmeren Ländern, aber auch in Industrieländern wie den USA oder in Europa. Diese Lücke wird stetig größer. Rückversicherer wie Erstversicherer spielen hier meines Erachtens eine wichtige Rolle, um diese Lücke zu schließen, daran sollten wir aktiv arbeiten. Ein erster wichtiger Schritt ist es, Menschen, die in gefährdeten Gebieten leben, für die Notwendigkeit eines Versicherungsschutzes zu sensibilisieren. Außerdem müssen wir bezahlbare Produkte kreieren, damit Menschen zum Beispiel in den Emerging Markets sich Versicherungsschutz überhaupt leisten können. Und nicht zuletzt ist der Dialog mit Regierungen und internationalen Organisationen wichtig, um Themen wie Baustandards, Gefährdungen in Ballungszentren und Flutgebieten zu adressieren.
positionen: Die digitale Transformation hat mittlerweile in allen Unternehmen und Branchen Einzug gehalten. Inwiefern verändert die Digitalisierung das Geschäftsmodell der Erstversicherer, aber auch der Rückversicherer?
Jean-Jacques Henchoz: Die Erstversicherer investieren derzeit sehr viel in die digitale Transformation, das haben wir als Konsumenten noch gar nicht richtig gespürt, was aber noch große Auswirkungen haben wird. Investiert wird mehrheitlich im Vertrieb für standardisierte Prozesse, zum Beispiel bei Prämienzahlungen, aber auch bei Schadenszahlungen. Das verfolgen wir als Rückversicherer natürlich ganz genau, um zu sehen, was das für uns bedeutet. Big Data wird für die Datenanalyse immer stärker an Bedeutung gewinnen. Wir haben eine Unmenge an Daten zur Verfügung aus Sensoren, Autos, Häusern etc. Mit diesen Daten kann man einerseits Risiken vermindern, andererseits eine präzisere Tarifierung und neue, innovative Produkte anbieten. Das ist das große Potenzial der Digitalisierung.
positionen: Herr Henchoz, wir danken Ihnen für das Gespräch!

„DIE BESETZUNG DES CEOS IN EINEM BÖRSENORIENTIERTEN UNTERNEHMEN IST VON HOHER RELEVANZ FÜR DEN KAPITALMARKT“

positionen: Herr Haas, welche Erwartungen hatten Sie als Anteilseigner und Aufsichtsratsvorsitzender an das Besetzungsverfahren für die Position des Vorstandsvorsitzenden der Hannover Rück?

Herbert Haas: Für mich war die Findung eines Vorstandsvorsitzenden für die Hannover Rück bisher eine der größten Herausforderungen in meiner Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender. Rückversicherung ist das größte und mit Abstand profitabelste Geschäftssegment in unserem Konzern. Es ist aber ein kleiner, hoch spezialisierter Markt mit einer sehr überschaubaren Anzahl von Anbietern, die zudem vorwiegend in den USA und/oder auf Bermuda domizilieren. Hier einen Kandidaten zu finden, der die Erfahrung und Reputation für eine derartige Position mitbringt, der die deutsche Sprache gut beherrscht, unser Gehaltsniveau akzeptiert und zudem noch bereit ist, in der „Weltmetropole“ Hannover seine Heimat zu finden, war eine Aufgabe, vor der ich höchsten Respekt hatte.

Herbert Haas
ist Vorsitzender des Aufsichtsrats der Talanx AG

positionen: Was sind aus Ihrer Sicht die Eigenheiten eines solchen Verfahrens?

Herbert Haas: In einem börsennotierten Unternehmen ist die Besetzung des CEOs von hoher Relevanz für Aktionäre und potenzielle Investoren. An erster Stelle steht daher die absolute Vertraulichkeit des gesamten Prozesses. Zweite Priorität hat die Akzeptanz des Kandidaten durch die Stakeholder, insbesondere den Kapitalmarkt. Unsere Aktionäre müssen ebenfalls davon überzeugt sein, dass wir einen Nachfolger gefunden haben, der die Erfolgsgeschichte Hannover Rück fortschreiben kann. Andernfalls macht sich das sofort im Börsenkurs bemerkbar.

positionen: Welche Persönlichkeit und welche Kompetenzen sind aus Ihrer Sicht erforderlich, um ein Unternehmen wie die Hannover Rück ­erfolgreich zu führen?

Herbert Haas: Die Hannover Rück hatte bisher in ihrer über 50-jährigen Geschichte nur fünf Vorstandsvorsitzende. Sie alle haben insbesondere drei Eigenschaften ausgezeichnet: Unternehmertum, Teamplayer und ein tiefes Verständnis und Gespür für die dem Rückversicherungsgeschäft inhärenten Risiken und Chancen.

positionen: Sie sind seit mehr als 35 Jahren mit großer Leidenschaft in der Versicherungsbranche tätig und haben zahlreiche Veränderungen begleitet. Vor welchen Herausforderungen stehen Versicherungsgesellschaften heute?

Herbert Haas: Im Gegensatz zu einem Großteil der deutschen Industrie musste sich die deutsche Versicherungswirtschaft bisher nicht so stark einem gnadenlosen, internationalen Wettbewerb stellen. Langfristige Kundenbeziehungen, die Erträge aus den Finanzanlagen sowie eine intensive Regulierung, die vor branchenfremden Anbietern (noch) Schutz bietet, lassen die Branche wie eine ­Insel der Glückseligen erscheinen. Das wird sich jedoch in den nächsten Jahren grund­legend ändern. Ein stagnierender Markt, ­gestiegene Transparenz und Preissensibilität der Kunden, das Eindringen branchenfremder Anbieter mit entsprechenden Ökosystemen wie Amazon, Google & Co., die digitale Transformation, die steigenden ­Kundenanforderungen an Flexibilität und ­Effizienz sowie das anhaltend niedrige Zinsniveau werden den Wettbewerb erheblich ­intensivieren. „Survival of the fittest“ wird dann auch für die Versicherungsbranche der Maßstab sein.

positionen: Welchen Rat geben Sie Herrn Henchoz mit auf den Weg?

Herbert Haas: Die einzigartige Unternehmenskultur der Hannover Rück zu bewahren und zu nutzen.

positionen: Vielen Dank für das Gespräch.

Fotos: Frank Blümler; iStockphoto, behindlens

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