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EMPLOYER BRANDING IM CONSULTING

McKinsey, BCG, Bain, Berger – aus Bewerbersicht sind diese Beratungshäuser nicht leicht zu differenzieren. Und wie können Beratungen gegen starke Arbeitgeber­marken in der Industrie konkurrieren und die Top-Bewerber überzeugen? Employer Branding und Mitarbeitergewinnung im Consulting – derzeit kein leichtes Unterfangen.

Von Daniel Nerlich

Die Arbeitgeberattraktivität ist heute einer der entscheidenden Faktoren, wenn es um die aktuelle und vor allem zukünftige Marktpositionierung von Unternehmen geht. Dies gilt im besonderen Maße für Unternehmensberatungen, deren Wertbeitrag für Kunden fast ausschließlich über die Kompetenz der eigenen Köpfe erbracht wird.

Hohe Arbeitgeberkonkurrenz aus Industrie und Start-ups

Ein Blick in die Arbeitgeberrankings zeigt, dass nicht Consulting-Unternehmen an der Spitze stehen, sondern klassische Industrieunternehmen. Im aktuellen Trendence-Ranking für Wirtschaftswissenschaftler belegen Automobilhersteller vier der fünf Top-Plätze, die stärkste Gesellschaft im Professional Service ist PwC auf Rang 9. Noch schmerzhafter aus Sicht der Berater: Die Bestenlisten für Informatiker und Naturwissenschaftler weisen keine einzige Firma ihresgleichen unter den besten zehn aus. Warum sollten sich Absolventen auch in die Rolle des externen Ratgebers begeben, wenn derzeit fast jedes Industrieunternehmen spannende Transformationsprojekte und somit erstklassige Stellenprofile bieten kann?
Zudem sind in den letzten Jahren neue Player am Arbeitsmarkt erschienen: die Start-up-Welt mit ihren diversen Möglichkeiten für Unternehmertum und Verantwortungsübernahme sowie einem coolen Lifestyle.

Daniel Nerlich
ist Managing Partner von Odgers Berndtson Deutschland und Leiter der Industry Practices Business & Professional Services sowie Technology. Sein Schwerpunkt ist die Begleitung von Beratern auf dem Weg zur Partnerschaft oder in Richtung einer Führungs- und Expertenposition in Industrieunternehmen.

Die Kultur macht den Unterschied

Wie also gelingt es dem Consulting angesichts dieser starken Konkurrenz, attraktiv für die Besten zu sein? Und wenn Professionals grundsätzliches Interesse an der Beratung haben, wie können sie die Vor- und Nachteile zwischen den Beratungshäusern unterscheiden?
Ein entscheidender Faktor bei annähernd vergleichbarem Leistungsportfolio ist die Kultur. Mit welchen Menschen möchte man zusammenarbeiten, wenn man de facto mehr Zeit mit diesen verbringt als mit der Familie? Eine Beratung, der es nicht gelingt, im Markt für eine einzigartige, differenzierende Kultur bekannt zu sein, hat schlechte Karten bei der Gewinnung von Talenten. Anders ausgedrückt: Wenn die Kultur so stark ist, dass selbst vermeintliche Nachteile wie Reisebelastung und lange Arbeitszeiten in Kauf genommen werden, dann kann Consulting auch im Wettbewerb gegen Industrie- und Start-up-Unternehmen bestehen.
Einige Positivbeispiele: Vor Kurzem hat BCG in Deutschland eine neue Employer-Branding-Kampagne gestartet, in der junge Menschen gezeigt werden, die man auch auf einer Berliner Hipster-Party antreffen könnte. „Welcome to the Group“ lautet das Motto der Kampagne.
Eine Recruiting-Kampagne von KPMG zeigte vor einigen Jahren Führungskräfte in Freizeitsituationen. Der Mensch hinter der Beraterrolle stand hier im Mittelpunkt. Einen Schritt weiter ging EY: Hier stellte man mit „Building a better working world“ den Purpose, also den Sinn für das eigene Tun, in den Vordergrund. Dieser Slogan wurde später sogar Teil des Unternehmenslogos.

Drum prüfe, wer sich …

Wer mit einem Einstieg ins Consulting liebäugelt oder innerhalb der Beratung wechseln möchte, sollte eine genaue Analyse durchführen: Neben den harten Kriterien wie Unternehmensgröße, Marktpositionierung, fachliche Kompetenz oder Karriereperspektive sollte großer Wert auf die „softe“ Seite gelegt werden. Wer am Ende ein Störgefühl bei den Themen Kultur und Kommunikation wahrnimmt, sollte die Finger von der Option lassen, selbst wenn alle anderen Indikatoren positiv erscheinen. „Culture eats strategy for breakfast“ – Managementguru Peter Drucker hat mit dieser Aussage noch immer – und immer mehr – recht.
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