MANAGER-BAROMETER

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CHANCEN UND RISIKEN AGILER FÜHRUNG

Agile Führungsmethoden halten Einzug in deutsche Chefetagen und stellen die bisherigen Hierarchien auf den Kopf. Bei Managern in Deutschland, Österreich und der Schweiz stößt das noch junge Führungsprinzip auf überraschend große Zustimmung, wie das aktuelle Manager-Barometer von Odgers Berndtson ergeben hat.

Von Kathrin Lochmüller

Agilität bedeutet „Beweglichkeit“. Insofern ist unter „Agiler Führung“ eine flexible, vernetzte und kommunikative Führungskultur jenseits starrer Hierarchien und Prozesse zu verstehen. Agilität hilft Unternehmen dabei, flexibel auf die sich ständig wandelnden Märkte zu reagieren.

Bei diesem Managementstil übergibt die Führungskraft wesentliche Entscheidungskompetenzen an ihr Team, das sich eigenverantwortlich auf ein Vorgehen einigt. Führung bedeutet in dieser Philosophie, dass die Mitarbeiter zum Manager aufschließen. Führung wird somit fast ausschließlich durch die Persönlichkeit bestimmt, nicht mehr durch Erfahrung, Seniorität oder Hierarchie.

Manager stehen agilen Führungsmethoden positiv gegenüber

Obwohl Agiles Management erst seit wenigen Jahren in Unternehmen etabliert wird, stößt es bei Führungskräften in Deutschland, Österreich und der Schweiz bereits auf große Zustimmung, wie das aktuelle Manager-Barometer 2018/2019 von Odgers Berndtson zeigt. 73 Prozent der 2.460 teilnehmenden Manager halten Führungsmethoden der „Agile Leadership“ für positiv und sinnvoll. 25 Prozent sehen das neue Führungsprinzip eher mit gemischten Gefühlen, nur rund zwei Prozent lehnen dieses ab.

Dabei bestätigen 56 Prozent aller Teilnehmer, dass in ihrem Unternehmen agile Führungsmethoden – in einigen Unternehmensbereichen (25 Prozent), im eigenen Verantwortungsbereich (23 Prozent) oder sogar im gesamten Unternehmen (acht Prozent) – bereits angewandt werden. Weitere 18 Prozent der Manager gehen davon aus, dass Agilität in ihrem Unternehmen zukünftig eine größere Rolle spielen wird. „Die Begeisterung, auf die das Schwerpunktthema unserer diesjährigen Befragung bei den Teilnehmern gestoßen ist, hat uns fast überrascht“, kommentiert Olaf H. Szangolies, Partner bei Odgers Berndtson und Leiter der aktuellen Befragung, die Ergebnisse. „Für ein junges und komplexes Thema wie Agile Leadership ist das eine enorm hohe Akzeptanz und Verbreitung“, so der Berater.

TMT-Branche führend

Die höchsten Zustimmungswerte kommen dabei von Managern aus der TMT-Branche (71 Prozent), dem Energiesektor (66 Prozent) und der Beratungsbranche (65 Prozent). Betrachtet nach Unternehmensbereichen ist der IT-Bereich beim Einsatz agiler Methoden führend (37 Prozent), gefolgt von den Bereichen Produktion (29 Prozent) sowie Forschung & Entwicklung (27 Prozent). Am wenigsten agil zeigen sich Führungskräfte im Bereich Recht/Steuern/Compliance (17 Prozent). „Dass Agiles Management vor allem in den IT-Bereichen der Unternehmen gelebt wird, liegt nahe, kommen doch viele dieser Methoden aus der Softwareentwicklung und damit aus der IT selbst“, erläutert Szangolies.

Breites Spektrum agiler Methoden kommt zum Einsatz

Kurze informelle Projekttreffen („Stand-up Meetings“) wenden über 84 Prozent der Führungskräfte in ihren Unternehmen an, das Arbeiten in Teilprojektgruppen („Kanban“) bestätigen rund 80 Prozent der Teilnehmer. Regelmäßige Projektreviews („Retroperspektive“) sowie das Arbeiten in crossfunktionalen Teams („Scrum“) finden zu 79 Prozent bzw. 74 Prozent statt. Meetings zum konstruktiven Umgang mit Fehlern, sogenannte „Fuck-up Meetings“, oder ein organisierter, funktionsübergreifender Themenaustausch („Open Fridays“) spielen eher noch eine untergeordnete Rolle in den Unternehmen. Olaf H. Szangolies dazu: „Die Tatsache, dass ,Fuck-up Meetings‘ weit unten in der Rangliste der angewandten Methoden stehen, zeigt, dass Fehler in vielen Firmen hierzulande noch immer mit Versagen gleichgesetzt werden. Hier sind uns US-Unternehmen um Längen voraus.“

Olaf H. Szangolies
ist Partner im Frankfurter Büro von Odgers Berndtson und Mitglied der Industry Practices Automotive und Industrial. Er berät Unternehmen bei der Besetzung von Executive-Posi­tionen in der Automobil-, Nutzfahrzeug- und Zulieferbranche.
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ZUR METHODIK DES MANAGER-BAROMETERS

Odgers Berndtson befragt jährlich Führungskräfte von Unternehmen aller Branchen und Größenklassen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ziel der Befragung, die Odgers Berndtson bereits zum achten Mal durchgeführt hat, ist es, zu ermitteln, was Führungskräfte bewegt, was sie für ihren weiteren Berufsweg motiviert, wozu sie bereit sind und wozu nicht. Die Befragung, die zu den umfassendsten Führungskräfteerhebungen im deutschsprachigen Raum gehört, liefert so wichtige Erkenntnisse zur Einstellung und Motivationslage im deutschsprachigen Management. Am Manager-Barometer 2018/2019 haben 2.460 Manager teilgenommen. Die vollständigen Ergebnisse finden Sie zum Download unter www.odgersberndtson.com

Fotos und Illustrationen: Frank Blümler

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