THINKTANK

BERLIN ETABLIERT SICH ALS LEBENSRAUM FÜR START-UPS

Nicht nur in Berlin werden Unternehmen gegründet. Doch im Vergleich zu München, Hamburg und Köln übt die Metropole mehr Anziehungskraft auf Gründer und Investoren aus. Das liegt nicht nur an der Reife des Standorts.

Von Ina Lockhart

Vom Biotop zum Ökosystem für Gründer und Finanzierer. Das ist das heutige Berlin, wie es Nelson Holzner beschreibt. Als Gründer ist er seit gut zehn Jahren in Deutschlands Start-up-Metropole unterwegs. Erst im November 2018 hat er dort das FinTech-Unternehmen Modifi mitgegründet. Nur ein Jahr, nachdem der Zahlungsdienstleister BillPay an das schwedische Unternehmen Klarna verkauft wurde. Holzner hatte BillPay 2009 zusammen mit Rocket Internet gestartet.

„Mittlerweile ist hier die zweite oder dritte Generation an Gründern und Start-up-Firmen aktiv“, führt Holzner als ein Indiz für den Reifeprozess an. „Einige Unternehmen von früher sind richtig groß geworden.“ Zalando ist nur eines davon. Eine Erfolgsgeschichte made in Berlin: 2008 mit Kapital von Rocket Internet, dem Beteiligungsunternehmen der Samwer-Brüder, gegründet, ging der Onlinehändler im Oktober 2014 an die Börse. Das Unternehmen ist mittlerweile 9,4 Milliarden Euro wert.

Doch ist der Weg zum Erfolg kein leichter. „Der Exit über die Börse oder durch einen Weiterverkauf an ein anderes Unternehmen glückt nicht vielen“, stellt Kristin van der Sande fest, die als Partner bei Odgers Berndtson u. a. für Portfolio-unternehmen von VC- und Private Equity-Firmen Führungspositionen besetzt. „Manche Gründungen enden direkt wieder nach der Seed-Finanzierung.“

Auch wenn München, Hamburg und Köln/Düsseldorf sich ebenfalls zu Gründerzentren entwickelt haben, bleibt Berlin die unbestrittene Nummer eins, wie das aktuelle Start-up-Barometer von Ernst & Young (EY) belegt: 40 Prozent aller verzeichneten Finanzierungsrunden in Deutschland entfielen 2018 auf Start-ups in der Bundeshauptstadt. Insgesamt wurden rund 4,6 Milliarden Euro in deutsche Wachstumsfirmen investiert.

Doch sind einzelne Finanzierungsrunden, die eine Milliarde übersteigen, immer noch eher typisch für Unternehmen in den USA. „In Deutschland sind diese Größenordnungen selten“, sagt van der Sande. Das meiste Geld wurde 2018 laut EY-Bericht in die Branche E-Commerce investiert. FinTech und Software & Analytics, wozu die neuen Technologien wie Künstliche Intelligenz, Virtual Reality, Cybersicherheit und Kryptowährungen/Blockchain gehören, folgen auf den Plätzen zwei und drei.

Berlin ist auch erwachsener geworden, was die Investoren betrifft. „Das Funding ist besser geworden – nicht unbedingt immer einfacher, aber besser, was die Breite und Tiefe angeht“, sagt Holzner. Zum einen investieren mittlerweile internationale Dickschiffe wie Sequoia Capital ihr Geld in Berlin. 2018 kam Tourlane, ein Onlineanbieter für Individualreisen, in das Portfolio des renommierten und bereits 1972 in Kalifornien gegründeten Geldgebers. Zum anderen haben neue Investoren wie Cherry Ventures oder Awesome Capital die Bühne betreten. Während Awesome Capital erst letztes Jahr von Digitalexperte Andreas Winiarski (siehe unten stehendes Interview) gegründet wurde und sich auf den chinesischen Markt konzentriert, rangiert der 2012 gegründete VC-Finanzierer Cherry Ventures mittlerweile unter den Top Ten in Deutschland. Zu seinen Portfoliounternehmen gehört die Gebrauchtwagenplattform AUTO1 Group, die 2018 mit einem Volumen von 460 Millionen Euro das meiste Investorenkapital anzog.

Doch nicht nur das Kapital ist mittelfristig ein entscheidender Erfolgsfaktor. Talent ist mindestens genauso wichtig. „Das Schwierige ist, Talente längerfristig zu halten“, sagt van der Sande. „Nach zwei bis drei Jahren werden Leistungsträger anfällig für Abwerbeversuche.“ Nicht wenige Konzerne gingen mit ihren Inkubatoren oder Digitalablegern dorthin, wo die Talente sind. Klöckner, in Duisburg beheimatet, hat sein Digitalunternehmen beispielsweise in Berlin angesiedelt.

Modifi-CEO Holzner stellt fest, dass das Kandidatenangebot in Berlin größer und vielfältiger geworden ist: „Wir stoßen auf Kandidatenprofile, die es vorher so in Berlin nicht gegeben hat, was Herkunft und Erfahrung betrifft. Beispielsweise gibt es Bewerber, die bereits Amazons Präsenz in einzelnen Ländern aufgebaut haben.“ Van der Sande hat bei ihren Personalsuchen immer wieder mit etablierten Top-Managern zu tun: „Diese Führungskräfte sind konzernmüde und sehen in einer Top-Position bei einem Start-up einen Hebel für unternehmerisches Wirken.“

Mehr Auswahl, Erfahrung und Qualifikation – das heißt aber auch mehr Geld. Die Cash-Komponente bei den Gehältern sei deutlich gestiegen, konstatiert Holzner. Mit einer kleinen Beteiligung am Equity als Wette auf die künftige Wertsteigerung des Unternehmens gäben sich viele nicht mehr zufrieden.

Mit Blick auf die internationale Konkurrenz wie die USA, Großbritannien und Israel könnte Deutschland als Start-up-Standort weiter oben mitspielen, wenn die Bundesregierung systematische Finanzierungsprogramme ins Leben rufen oder fördern würde. „Die Förderung wird oft weder koordiniert noch in bestimmten Programmen gebündelt noch werden ausreichend Akzente auf Schwerpunktbranchen gesetzt“, merkt Holzner kritisch an.

Doch es gibt zaghafte Schritte: Im vergangenen Jahr gab es erste Gespräche unter dem Stichwort „Zukunftsfonds Deutschland“. Die Idee: Der Staat könnte nach dem Vorbild eines in Dänemark bereits praktizierten Modells Versicherer und Pensionsfonds animieren, einen Teil ihrer Milliarden in Start-up-Unternehmen zu investieren. Ab Juli dieses Jahres will die staatliche Förderbank KfW ihr Förderkreditprogramm, das bislang Mittelstandsfirmen vorbehalten ist, für innovative Wachstumsfirmen öffnen.

40%
aller verzeichneten Finanzierungsrunden in Deutschland entfielen 2018 auf Start-ups in Berlin.

„ICH HABE EINE GANZ EINFACHE SICHT AUF DIE DINGE“

positionen: Herr Winiarski, wie sieht für Sie der perfekte Start in den Tag aus?

Andreas Winiarski: Ein Tag, der mit Sport beginnt. Ich gehe morgens laufen oder mache Eigengewichtstraining. Und dann lese ich als Medienmensch gern und viel Zeitung.

positionen: In einem Interview haben Sie mal gesagt, dass Sie wie ein Junge vom Brandenburger Land auf die Welt blicken. Welche Welt sieht dieser Junge?

Andreas Winiarski: Brandenburg ist fernab der Elite Münchens, Berlins oder auch Londons. Andererseits ist Brandenburg das, was Berlin umschließt. Brandenburg ist quasi ein Teil von Berlin und umgekehrt. Der Blick vom Brandenburger Land ist eine ganz einfache Sicht auf die Dinge. Und die ist besonders wichtig, wenn man in meiner Branche in Verhandlungen steckt und sich im Rausch dieser Parallelwelt befindet.

positionen: Was meinen Sie damit genau?

Andreas Winiarski: Frisch vom Uber-Fahrer an einer Fünf-Sterne-Adresse abgesetzt, bestellt man nach erfolgreicher Verhandlung Lachs-Sushi. Das ist aber nicht das Wesentliche. Worum es eigentlich geht, sind die Dinge, wonach auch der Bauer vom Brandenburger Land fragen würde: Wie viel Umsatz machst du? Wie viele Leute hast du?

ANDREAS WINIARSKI ist Experte für Disruption, Transformation und Neubeginn. Seit Oktober 2018 ist „andwin“ mit seinem eigenen VC-Fonds Awesome Capital am Markt. Der ehemalige PR-Chef von ­Rocket Internet arbeitet zudem als Venture-Partner für den 1 Mrd. Euro schweren VC-Finanzierer Earlybird. Der 40-jährige gebürtige Brandenburger ist zweifacher Vater und Mitglied der CDU.

positionen: Wie haben Sie es geschafft, sich diesen Blick zu bewahren?

Andreas Winiarski: Ich würde eher umgekehrt fragen: Wie ist es möglich, dass Leute ihn verlieren? Ich habe diesen Prozess natürlich bei anderen Menschen beobachtet, wenn sie Karriere machen, Chef werden, mehr Geld verdienen und sich dadurch verändern. Aber genau hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Denn wenn man die ganz Großen trifft, stellt man fest, dass sie meist ein ganz einfaches Leben führen, das sehr regelbasiert ist und auf bestimmten Werten beruht. Das ist für mich ein Vorbild.

positionen: Sie sind Mitglied der CDU, einer Partei, die für christliche Werte steht. Welche Werte sind Ihnen besonders wichtig?

Andreas Winiarski: Für mich ist die Nächstenliebe der wichtigste christliche Wert. Wir sind alle Gottes Schöpfung. Jeder Mensch ist anders. Und trotzdem hat Gott sie alle gleich lieb. Und das sollten wir auch: alle Menschen wertschätzen und uns gegenseitig helfen.

positionen: Können denn genau diese Werte in unserer heutigen digitalen Welt eine Rolle spielen?

Andreas Winiarski: Diese Werte sind natürlich durch die Digitalisierung herausgefordert, weil die Technik es beispielsweise ermöglicht, dass Roboter zu Kriegsmaschinen werden. Gerade deswegen ist es aber wichtig, sich seiner Werte bewusst zu sein.

positionen: Wie stark haben Sie Ihre Karriere ­geplant?

Andreas Winiarski: Ich bin ein sehr planerischer Mensch und führe für alles meine Listen. Ich glaube aber auch an die Vorsehung. Gerade jetzt, wo sehr viel in meiner Karriere zusammenkommt, ist es fast unheimlich, wie viel Glück ich habe. Aber man verkennt oft, wie viel Arbeit hinter Dingen steckt, die vermeintlich leicht aussehen.

positionen: Wie gehen Sie mit Rückschlägen um?

Andreas Winiarski: Letztes Jahr hatte ich einen sehr schweren Verkehrsunfall und habe eine Nahtoderfahrung gemacht. Ich bin ganz allein auf der Autobahn bei hoher Geschwindigkeit von der Fahrbahn abgekommen. Mein Auto hatte Totalschaden, ich konnte mich ohne nennenswerte Verletzungen daraus retten. In diesen Millisekunden habe ich – damals 39 Jahre alt, Ehefrau, zwei kleine Kinder – mit meinem Leben abgeschlossen. Ich habe praktisch alles einmal verloren. Seitdem bin ich deutlich entschiedener und klarer. Viele Sachen sind mir jetzt egal.

positionen: Herr Winiarski, vielen Dank für das Gespräch.

Fotos und Illustrationen: iStockphoto

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