POSITIONEN

„WIR WOLLEN UNSERE PASSAGIERE ZU FANS MACHEN“

Ihre Leidenschaft für Flughäfen hat Dr. Arina Freitag schon vor vielen Jahren bei der Fraport AG entdeckt. Auf Empfehlung von Odgers Berndtson hat die gebürtige Hessin im vergangenen Jahr nun die Geschäftsführung der Flughafen Stuttgart GmbH übernommen. Als Frau an der Spitze eines Flughafens ist sie bisher eine Ausnahme.

Mit Dr. Arina Freitag sprach Katja Hanns-Terrill. Fotos von Frank Blümler

positionen: Frau Dr. Freitag, Sie sind seit rund 17 Jahren im Airport-Geschäft tätig, u. a. in verschiedenen Managementpositionen für die Fraport AG. Wie sind Sie „zum Fliegen“ gekommen?
Dr. Arina Freitag: Eigentlich über die Finanzen. Nach ersten Stationen in der Bankenwelt hatte ich mich beim Frankfurter Flughafen beworben und bin dort in den Bereich Finanzkommunikation eingestiegen. Das fand ich damals sehr spannend, weil es u. a. um das Thema Börsengang der Fraport ging.
positionen: Seit September 2017 sind Sie Geschäftsführerin der Flughafen Stuttgart GmbH (FSG). Was hat Sie zu dem Wechsel nach Stuttgart bewogen? Was reizt Sie an Ihrer aktuellen Position?
Dr. Arina Freitag: Die enge Verbindung zu anderen Verkehrsträgern hat mich gereizt, also das ganze Thema „intermodaler Verkehr“, für das die avisierte Bahnanbindung ein gutes Beispiel ist, und dann natürlich die FSG selbst, die als Unternehmen sehr gut dasteht. Den Flughafen Stuttgart in dieser Hinsicht erfolgreich weiterzuentwickeln und hierfür die operative Verantwortung zu übernehmen, das war und ist für mich eine sehr spannende Aufgabe!

Dr. Arina Freitag

Nach VWL-Studium und Promotion an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz war Dr. Arina Freitag zunächst bei der Bank of Tokyo-Mitsubishi als Economist tätig. 2001 startete die gebürtige Hessin bei der Fraport AG als Leiterin der Finanzkommunikation, es folgten verschiedene Managementpositionen im Unternehmen. Von 2009 an hatte sie die Leitung des Projekts „Operational Excellence“ inne und war Head of Airport Charges. Ab 2011 war sie Senior Vice President Commercial Affairs/Aviation der Fraport AG. 2015 wechselte sie als Senior Vice President Marketing und Vertrieb zur DB Netz AG. Seit September 2017 ist Dr. Arina Freitag Geschäftsführerin der Flughafen Stuttgart GmbH. Hier ist sie für den Luftverkehr, das Controlling und die Finanzen des Landesairports zuständig.

positionen: Wie groß war der Schritt von Frankfurt nach Stuttgart?
Dr. Arina Freitag: Ich war ja 15 Jahre bei der Fraport AG, bevor ich einen kurzen Abstecher zur Deutschen Bahn gemacht habe. Insofern war mir das Flughafengeschäft durchaus vertraut. Dennoch war es ein großer Wechsel für mich – zum einen, weil es ein anderes Bundesland ist, ich musste sogar ein wenig Schwäbisch lernen (lacht), und zum anderen, weil es sich bei der FSG im Gegensatz zur Fraport AG um ein öffentliches Unternehmen handelt. In diesem Umfeld das magische Dreieck „Kunde – Mitarbeiter – Wirtschaftlichkeit“ erfolgreich sicherzustellen, ist eine große Herausforderung.
positionen: Wenn man sich die Flughafenlandschaft so ansieht, dann sind Sie als Frau in Ihrer aktuellen Führungsposition eher die Ausnahme. Begegnet man Ihnen mit Vorbehalten?
Dr. Arina Freitag: Vorurteile spüre ich eher nicht. Was ich bemerkt habe, ist, dass sich teilweise die Sprache verändert hat. Früher wurden Mitarbeiterinnen in Besprechungen, in denen ausschließlich Männer saßen, manchmal auch als „Mädels“ bezeichnet. Jetzt heißen sie auch dort „Mitarbeiterinnen“. Das ist gut so, denn so etwas prägt die Unternehmenskultur. Ich finde es essenziell, dass es in der Flughafenlandschaft noch mehr weibliche Führungskräfte geben muss. Sind doch die Hälfte unserer Fluggäste weiblich. Gerade für junge Mitarbeiterinnen ist es wichtig, noch mehr Vorbilder zu haben. Das gilt sowohl für Führungskräfte in Vollzeit wie auch in Teilzeit. Bis wir in der Breite des Airport-Geschäfts eine Gleichberechtigung haben, ist es aber noch ein weiter Weg.
positionen: Ihr Unternehmen gehört dem Land Baden-Württemberg und der Stadt Stuttgart. Welche Konsequenzen hat dies für Ihre Unternehmensführung?
Dr. Arina Freitag: Ich sehe diese Gesellschafterstruktur vor allem als Chance. Da ist ein großer Gleichklang der Interessen zwischen Stadt und Land, vor allem im Hinblick auf die Daseinsvorsorge, die beide gleichermaßen von uns fordern, aber auch im Hinblick auf die Sicherstellung der Wirtschaftlichkeit – und auch der Nachhaltigkeit, die hier am Flughafen Stuttgart ja einen sehr hohen Stellenwert hat und die ich mir selbst sehr stark auf die Fahnen geschrieben habe.
positionen: Inwiefern ist das Thema Nachhaltigkeit bei Ihnen eine Besonderheit?
Dr. Arina Freitag: Stuttgart war einer der ersten Airports in Deutschland, der eine Nachhaltigkeitsstrategie verabschiedet hat. Das war schon deutlich vor meiner Zeit. Nachhaltiges Handeln ist dabei kein Lippenbekenntnis geblieben. Die Strategie wurde und wird in diversen Nachhaltigkeitsprojekten, in die wir sowohl die Wissenschaft als auch unsere Mitarbeiter einbeziehen, konsequent umgesetzt. Wir bekennen uns beispielsweise zu den Klimaschutzzielen 2050 und beschäftigen uns intensiv damit, wie wir den Energieverbrauch in den Terminals effizient managen können. Der schonende Umgang mit Ressourcen ist aber auch im Kleinen für jeden Einzelnen ein Thema – Stichwort papierloses Büro. Das wird von uns kontinuierlich nachgehalten.

Dr. Arina Freitag im Gespräch mit Odgers Berndtson-Partner Katja Hanns-Terrill.
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positionen: Diese Vorgehensweise wird sicherlich auch von Ihrem grünen Aufsichtsrat begrüßt.
Dr. Arina Freitag: Vom gesamten Aufsichtsrat erfahren wir große Unterstützung. Ich denke aber, dass es an dieser Stelle keine Rolle spielt, welcher Partei die Aufsichtsratsmitglieder angehören. Meines Erachtens ist der Bevölkerung das Airport-Geschäft ohnehin nur noch auf Basis einer glaubwürdigen, nachhaltigen Strategie vermittelbar.
positionen: Eine Stellenbesetzung für ein Unternehmen in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft ist immer eine Gratwanderung zwischen dem Vertrauensschutz des Kandidaten und dem Informationswunsch vieler Stakeholder. Wie haben Sie das Besetzungsverfahren erlebt?
Dr. Arina Freitag: Zunächst einmal kann ich sagen, dass das Verfahren in einem sehr strukturierten Prozess abgelaufen ist. Die Vertraulichkeit für mich als Kandidatin war dabei lange gewährleistet, was mir zum Beispiel im Umgang mit meinem alten Arbeitgeber sehr wichtig war. Ein weiteres Thema, auf das ich viel Wert gelegt habe, war, dass die Anforderungen an die neue Aufgabe ehrlich und realistisch dargestellt wurden, sodass keine falschen Erwartungen entstehen.
positionen: Inwiefern wurden Ihre Erwartungen denn erfüllt?
Dr. Arina Freitag: Voll und ganz – soweit man das nach wenigen Monaten schon sagen kann. Die FSG ist ein sehr erfolgreiches Unternehmen, das Kundenorientierung und digitale Angebote wichtig nimmt. Da wurde mir ein sehr realistisches Bild vermittelt. Was darüber hinaus entscheidend ist – da wir hier eine Zweier-Geschäftsführung haben – ist der persönliche Fit und die Zusammenarbeit mit dem zweiten Geschäftsführer. Auch diese klappt bereits sehr gut.
positionen: Welche Kompetenzen sollte ein Kandidat oder eine Kandidatin für die Geschäftsführungsposition einer Flughafengesellschaft aus Ihrer Sicht mitbringen?
Dr. Arina Freitag: Erstens ist es sicherlich hilfreich, wenn man die Branche kennt und versteht, was die Airline-Kunden umtreibt. Zweitens ist ein Gespür für öffentliche Belange wichtig, da viele Flughäfen sich nun mal ganz oder teilweise in öffentlicher Hand befinden. Und drittens halte ich ein Führungsverständnis für unabdingbar, das zwar auf Veränderung setzt, aber dabei behutsam vorgeht und den Zusammenhalt fördert. Gerade an Flughäfen in Deutschland, an denen eine vergleichsweise geringe Fluktuation herrscht, ist es von Bedeutung, die bestehenden Mitarbeiter in die Transformationsprozesse einzubinden und mit „auf die Reise“ zu nehmen.
positionen: Sind die Anforderungen an eine Flughafengeschäftsführung heute andere als vor 30 Jahren?
Dr. Arina Freitag: Auf jeden Fall hat sich im Umfeld ein starker Wandel vollzogen. Airports sind keine lokalen Monopolisten mehr, unsere Kunden und Mitarbeiter sind durch Digitalisierung & Co. sehr viel informierter und mündiger als früher, eine direktive Führung funktioniert nicht mehr. Als Geschäftsführung muss man sich heute vielmehr auf Augenhöhe mit den Passagieren und Mitarbeitern befinden und auch dem gestiegenen Informations- und Diskussionsbedürfnis des Aufsichtsrats gerecht werden. Kurz gefasst: Man muss die Erwartungen und Ziele der Stakeholder managen können.

Flughafen Stuttgart

Gemessen am Passagieraufkommen von jährlich rund 11 Millionen Fluggästen gehört der Flughafen Stuttgart zu den Top Ten der Flughäfen in Deutschland. Mit mehr als 55 Airlines können Passagiere zu über 100 Zielen fliegen. Gesellschafter der Flughafen Stuttgart GmbH sind zu 65 Prozent das Land Baden-Württemberg und zu 35 Prozent die Stadt Stuttgart. Für das wirtschaftsstarke Baden-Württemberg ist der Landesairport als intermodale Verkehrsdrehscheibe ein wichtiger Standortfaktor und hat eine herausragende Bedeutung für die Mobilität der Menschen im Land. Der Flughafen Stuttgart hat sich zum Ziel gesetzt, langfristig und dauerhaft zu einem der leistungsstärksten und nachhaltigsten Flughäfen in Europa zu werden – zum fairport STR.

positionen: Sie hatten gerade das Thema Digitalisierung erwähnt. Wie setzen Sie dieses für den Flughafen Stuttgart um?
Dr. Arina Freitag: Das Erste, was wir gemacht haben, als ich im letzten Jahr hierhergekommen bin, war, ein Programm für eine Digital Customer Journey zu starten. Wir haben uns dafür die Reisekette der Passagiere genau angesehen und überlegt, wie man es ihnen so leicht wie möglich machen kann – einerseits zum Airport zu gelangen und andererseits sich im Airport zu orientieren. Wir wollen unsere Kunden aber auch überraschen, ich nenne das „Wow-Effekte“, sodass es ihnen Spaß macht, von Stuttgart aus zu fliegen.
positionen: Was möchten Sie mit dem Flughafen Stuttgart noch erreichen? Welche Ziele haben Sie?
Dr. Arina Freitag: Für mich ist hier folgender Dreiklang wichtig: Erstens, mit dem Flughafen Stuttgart wirtschaftlich erfolgreich zu sein und uns im Wettbewerb mit anderen Airports zu behaupten. Zweitens, die Anbindung an das Fernbahnnetz möglichst bald zu realisieren. Der Flughafenbahnhof muss schnellstmöglich kommen, das ist ganz wichtig. Und drittens möchten wir unsere Passagiere zu Fans machen. Wir möchten es schaffen, dass unsere Kunden nicht nur mit Verstand, sondern auch mit Herz zu uns kommen.
positionen: Wohin geht Ihr nächster Flug?
Dr. Arina Freitag: Beruflich vermutlich nach Berlin, dahin bin ich ziemlich oft unterwegs. Privat fliegen wir in Kürze in die Türkei.
positionen: Vielen Dank für das Gespräch.

„TRANSPARENZ UND VERTRAULICHKEIT SIND BESONDERS WICHTIG“

positionen: Herr Kuhn, welche Erwartungen hatten Sie als Anteilseigner und Aufsichtsrat an das Besetzungsverfahren für die Geschäftsführungsposition der Flughafen Stuttgart GmbH?

Fritz Kuhn: Transparenz im Verfahren ist mir besonders wichtig, denn im Vorfeld solcher Entscheidungen kursieren immer wieder Namen von Personen in der Öffentlichkeit. Nur ein transparentes Verfahren garantiert dann, dass nach objektiven Kriterien die geeignetste Persönlichkeit ausgewählt wird. In dem gesamten Besetzungsprozess ist dieses auch gelungen. Ich freue mich sehr, Frau Dr. Freitag für den Flughafen Stuttgart gewonnen zu haben.

positionen: Was sind aus Ihrer Sicht die Eigenheiten eines solchen Verfahrens?

Fritz Kuhn: Bei einem Unternehmen in öffentlichem Eigentum muss sowohl für die Öffentlichkeit wie auch für die Belegschaft immer deutlich sein, dass für die Auswahl die fachliche und persönliche Eignung der Bewerberinnen und Bewerber maßgebend ist. Es darf kein Geschmäckle dabei sein, wie man hier sagt. Auch daher stehen die Personalverfahren bei öffentlichen Unternehmen so im Fokus der Öffentlichkeit. Es ist eine besondere Herausforderung, bis zum Abschluss des Auswahlverfahrens die notwendige Vertraulichkeit zu wahren.

Fritz Kuhn ist Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart und stellv. Vorsitzender des Aufsichtsrats der Flughafen Stuttgart GmbH.

positionen: Welche Persönlichkeit, welche Kompetenzen sind aus Ihrer Sicht erforderlich, um ein Unternehmen wie die Flughafen GmbH erfolgreich zu führen?

Fritz Kuhn: In einer sich schnell verändernden Branche wie den Luftfahrtunternehmen ist es von besonderer Wichtigkeit, dass die Geschäftsführung des Flughafens den Markt genau kennt und Entwicklungen antizipieren kann, damit sie das Unternehmen frühzeitig auf Veränderungen vorbereitet. Bei einem öffentlichen Unternehmen erwarte ich auch, dass Nachhaltigkeit und ökologischen Belangen die gleiche Bedeutung zukommt wie ökonomischen Aspekten. Die Geschäftsführer müssen auch eine besondere soziale Kompetenz mitbringen.

positionen: Inzwischen gibt es eine Reihe von privatisierten oder teilprivatisierten Unternehmen im Bereich Transport und Verkehr. Der Flughafen Stuttgart ist jedoch vollständig in öffentlicher Hand. Warum?

Fritz Kuhn: Ich halte nichts davon, Verkehrsinfrastruktur in die Hand eines privaten Unternehmens zu geben. Sie gehört zur Daseinsvorsorge, die in öffentlicher Hand bleiben sollte. Sollte ein privatisiertes Verkehrsunternehmen wirtschaftlich scheitern, müsste ohnehin wieder die öffentliche Hand einspringen, um den für unsere Wirtschaft und unsere Bürgerinnen und Bürger unverzichtbaren Flughafen zu erhalten.

positionen: Welche Vorteile sehen Sie für Kandidaten bzw. Kandidatinnen, in einer öffentlich-rechtlichen Struktur zu arbeiten?

Fritz Kuhn: Die öffentlich-rechtliche Unternehmensstruktur bietet Verlässlichkeit. Die Geschäftsführung kann so besser langfristige und nachhaltige Ziele entwickeln und umsetzen, als wenn sie permanent unter dem Druck der Renditeerwartungen der Eigner steht und ständig mit ihrer Ablösung rechnen muss. Die Vielfalt an Auffassungen und Interessen, die die Eigentümervertreter von Land und Stadt einbringen, mag manchmal zeitaufwendig und lästig erscheinen. Letztlich – so meine Erfahrungen – profitieren auch die Geschäftsführungen von solch breit angelegten Diskussionen.

positionen: Vielen Dank für das Gespräch.

Fotos: Frank Blümler, Laurence Chaperon/Stadt Stuttgart

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