POSITIONEN

WECKRUF AUS PEKING

Das Silicon Valley hat seine Glanzzeit hinter sich. Selbstgefälligkeit überdeckt unternehmerische Leidenschaft. So sehen es zumindest kritische Beobachter. Der Blick geht nach Asien: Wird Peking das nächste Valley?

Von Ina Lockhart

Auszug aus dem Interview mit Cyriac Roeding im Podcast
Warum Peking ein erst zu nehmender Rivale des Silicon Valleys ist
Auszug aus dem Interview mit Cyriac Roeding im Podcast Warum Peking ein erst zu nehmender Rivale des Silicon Valleys ist

Das Silicon Valley und die rund 10.000 Kilometer entfernte Millionenstadt Peking. Was hat das Mekka der Internet- und Techbegeisterten mit der Hauptstadt Chinas gemeinsam? Zum Beispiel die Garagen. In Los Altos und Palo Alto in Kalifornien sind die vermeintlichen Geburtsorte der heutigen Milliardenkonzerne Apple und Hewlett Packard mittlerweile historische Gedenkstätten – obwohl dort nie ein einziger Computer zusammengebaut wurde. In Peking reicht der Platz nicht für eine eigene Garage. Hier wird die Tiefgarage zum Ort der Start-up-Präsentation.

So hat es der mehrfache Unternehmensgründer Cyriac Roeding erlebt, als er 2015 für drei Wochen in die Start-up-Kultur Chinas eintauchte (siehe auch Interview unten). Ein junger Chinese, der in Aerodynamik promoviert hat, führte Roeding in eine Tiefgarage, öffnete den Kofferraum seines Autos und zeigte dem Deutschen den von ihm entwickelten Motor für Elektroautos und Roboter. Der Clou: Der Motor mit einer Leistung von 60 Kilowatt wiegt nur 13 Kilogramm – und nicht die 58 Kilogramm der auf dem Markt verfügbaren Vergleichsmodelle. Zusammen mit fünf anderen hat der Chinese drei Jahre lang mit praktisch null Finanzierung an seiner Erfindung gearbeitet. Jetzt sucht er Wagniskapitalgeber wie Roeding, die seinen Motor unternehmerisch fördern wollen.

Eine Situation, die sich in dieser Authentizität vor drei bis vier Jahrzehnten im Silicon Valley – der heutigen Heimat von Apple, Google, Intel und der Eliteuniversität Stanford – abgespielt hat. Damals, im Jahr 1976, als die beiden Steves – Jobs und Wozniak – Apple starteten und ihren ersten Mac auf den Markt brachten. Anfang der 1980er-Jahre war das Tal noch für eine andere Art der Technikindustrie bekannt: der Rüstungsindustrie. Das Internet diente damals nur der nationalen Sicherheit. Mitte der 1990er ging es dann richtig los mit der Gründung von Google und Amazon. Facebook folgte 2004.

Doch die Zeiten, wo Pilgerreisen von ausländischen Wirtschaftsgrößen ins Valley für Schlagzeilen sorgten, sind vorbei. Der einstige Hotspot für Technologieinnovationen kommt in die Jahre und handverlesene Manager werden nach dem „Next Valley“ befragt. Die Mitglieder des Forbes Technology Council nennen im Oktober 2017 13 Städte, Länder oder Regionen, die der nächste Magnet für Unternehmensgründungen werden könnten. Bis auf Israel und Schanghai denken die Top-Tech-Manager eher regional und verorten das meiste Potenzial auf dem nordamerikanischen Kontinent.

Zu einem ganz anderen Schluss kommt Roeding nach seinem „Tauchgang“ im Start-up-Becken von Chinas Hauptstadt: „Peking ist nicht nur ein netter Spielplatz für Start-ups, der vielleicht in ein paar Jahren erst richtig interessant wird. Bereits jetzt wird hier in der Top-Liga mitgespielt.“ Durch den 1,3 Milliarden Menschen großen Heimatmarkt hätten die jungen Unternehmen mit ihren neuen Produkten einen enormen Skalierungsvorteil.

Peking profitiere davon, dass alles zusammenkommt: junge Chinesen mit Unternehmergeist, ein sich immer erneuernder Nachwuchs an Ingenieuren, die an den beiden in Peking beheimateten Top-Universitäten Chinas – Peking und Tsinghua University – ihren Abschluss machen, und das nötige Wagniskapital, um neue Geschäftsideen zu finanzieren.

„Als ich die Größenordnung, Geschwindigkeit und das verfügbare Kapital und Talent vor Ort erlebt habe, kam ich zu der Überzeugung, dass Peking für die nächsten zehn Jahre der einzig ernst zu nehmende Wettbewerber zum Silicon Valley sein kann“, so die Einschätzung von Roeding am Ende seiner Reise.

„Für das Silicon Valley ist es gut, einen ernst zu nehmenden Rivalen zu haben, weil nur so Impulse entstehen, um die nächste Ebene eines Entwicklungsprozesses zu erreichen.“ Roeding macht keinen Hehl daraus, dass er das Valley mittlerweile als „slightly perked out“ erlebt. Er warnt vor einem Stadium der Selbstgefälligkeit, in dem zu viele Extrabeigaben wie Fitnessraum und Reinigungsservice ein rohes und authentisches Unternehmertum zu verderben drohen.

Der Weckruf aus Peking sollte an Amerikas Westküste gehört werden, um die Konkurrenz aus China nicht zu verschlafen. Der prosperierende und ambitionierte Start-up-Knotenpunkt kann ein Lehrstück sein für einen etablierten Player wie das Silicon Valley.

„ES WAR SCHON IMMER MEIN TRAUM, IM SILICON VALLEY ZU ARBEITEN“

positionen: Herr Roeding, Sie sind gerade aus San Francisco angekommen. Seit 2005 leben Sie im Silicon Valley – zusammen mit Ihrer Frau und Ihren mittlerweile drei Kindern. Auf was freuen Sie sich am meisten, wenn Sie nach Deutschland zurückkommen?
Cyriac Roeding: Ich freue mich auf meine Familie und meine Freunde. Und auf meine Münchner Wahlheimat, wo ich acht Jahre gewohnt habe. Wenn ich dort am Bahnhof ankomme, habe ich immer das Gefühl, dass ich dort zu Hause bin.
positionen: Wann und warum sind Sie das erste Mal in die USA gegangen?
Cyriac Roeding: Als Highschool-Schüler, als ich 16 Jahre alt war. Dass ich in die USA wollte, stand für mich bereits mit 14 fest. Ich habe alles mitgemacht: Angefangen von der Popband der Schule bis hin zum Cheerleader Squad, in dem es 15 Mädchen und sieben Jungs gab, ich war einer von ihnen. Das war der beste Job, den ich je hatte (lacht).
positionen: Als „Entrepreneur in Residence“ haben Sie 2008 bei dem amerikanischen Risikokapitalgeber Kleiner Perkins Caufield & Byers angefangen. Ihr erster Arbeitstag im Valley fiel ausgerechnet auf den 15. September 2008 – auf den Tag, an dem Lehman Brothers Insolvenz anmeldete. Was haben Sie aus dieser Zeit gelernt?
Cyriac Roeding: Es war schon immer mein Traum gewesen, für Kleiner Perkins im Silicon Valley zu arbeiten. Für den Risikokapitalgeber, der damals Google und Amazon finanziert hatte. Aber mein Timing war ziemlich schlecht. Was ich aus der Lehman-Pleite gelernt habe? Dass man gegen Makro-Trends nicht gewinnen kann, dass man aber die Froschperspektive ändern kann. Das war einer dieser Momente im Leben, in denen man weiß: Genau jetzt musst du deine PS auf die Straße bringen. Jetzt zählt es, eine zweite Chance gibt es nicht. Ich musste irgendwie meine eigene Geschäftsidee entwickeln.

Neugier, Leidenschaft und ein Urvertrauen, dass am Ende alles klappt. Das strahlt Unternehmensgründer Cyriac Roeding aus. Mit seiner gesunden unternehmerischen Naivität hat das Silicon Valley es dem 45-jährigen Deutschen angetan, wo er seit 2005 mit seiner Familie lebt. Nach dem erfolgreichen Verkauf seiner App „Shopkick“ tankt Roeding auf in Chinas Start-up-Kultur. Und ist jetzt startklar für sein nächstes Venture.

positionen: In dieser Situation haben Sie „Shopkick“ entwickelt, eine der meistgenutzten Einkaufs-Apps in den USA. Shopkick ging 2009 an den Start und wurde 2014 für 250 Millionen Dollar an SK Planet in Südkorea verkauft. Wie mühsam waren die Anfänge?
Cyriac Roeding: Um meine Geschäftsidee – Punkte zu sammeln durch den Besuch von Einkaufsläden – umzusetzen, musste ich Händler als Partner finden. Das iPhone war gerade eineinhalb Jahre alt. Viele Händler waren dabei, massiv Mitarbeiter zu entlassen. Ich bin damals in meinem kleinen Mietwagen auf Verkaufstour durch die USA gegangen. Kurz, bevor Kleiner Perkins abspringen wollte, hat die Elektronikkette Best Buy zugesagt. Als Nächste kamen Macy’s und Target dazu. Und dann sind wir mit Shopkick gestartet.
positionen: 2014 sind Sie zurück nach Deutschland, um Shopkick dort aufzubauen. Was haben Sie erlebt?
Cyriac Roeding: Damals hatte ich mit dem unternehmerischen Deutschland für zehn Jahre keinerlei Berührungspunkte. Ich hatte es als ziemlich ideenfeindlich in Erinnerung. Zum Auftakt führte ich ein ernüchterndes Gespräch mit einem von zehn Handelsunternehmen. Doch alle anderen neun waren klasse! Ich fand eine Unternehmenskultur vor, die komplett anders war als die, die ich vor zehn Jahren verlassen hatte. Extrem offen, interessiert und begeisterungsfähig. Damals habe ich mich in mein Heimatland neu verliebt.
positionen: Was werden Sie als Nächstes machen?
Cyriac Roeding: Ich stehe kurz vor der Entscheidung, in einen komplett neuen Themenbereich einzusteigen. Es geht um Genforschung und Krebsfrüherkennung. Und um die faszinierende Verbindung aus dem Atom des Menschen und dem Bit der digitalen Welt. Meine Frau habe ich schon vorgewarnt: Wenn ich mich dafür entscheide, ist das extrem risikoreich und wird viel länger dauern als alles andere, was ich bisher gemacht habe. Mit diesem 10-Jahres-Projekt erfolgreich zu sein, ist noch weniger wahrscheinlich als beim letzten Mal, als die Wahrscheinlichkeit auch schon unter einem Prozent lag. Aber ich werde es versuchen.
positionen: Herr Roeding, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Fotos: iStockphoto, Frank Blümler

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