POSITIONEN

„EIN UNTERNEHMEN MUSS IMMER EINEN PLAN B HABEN“

Christian Schneider-Sickert ist Vollblutunternehmer. Nach Firmengründung und beruflichen Stationen in der Medienbranche will der Oxford- und Harvardabsolvent mit LIQID, einem digitalen Vermögensverwalter, den Privatbankenmarkt in Europa aufmischen. Und damit eine Brücke bauen zwischen alter und neuer Finanzwelt.

Mit Christian Schneider-Sickert sprach Kristin van der Sande. Fotos von Frank Blümler

positionen: Herr Schneider-Sickert, Sie sind mehrfacher, erfolgreicher Unternehmensgründer. Heute sind Sie CEO und Mitgründer von LIQID, einem der größten digitalen Vermögensverwalter Europas. Was hält Sie neben Koffein an Ihren eng getakteten Arbeitstagen wach?

Christian Schneider-Sickert: Wach zu bleiben ist das kleinste Problem. Es ist eher die Herausforderung, abends irgendwann Schluss zu machen. Als Unternehmer könnte man immer noch länger machen. Allerdings gilt es auch zu erkennen, wann die Grenze der eigenen Produktivität überschritten ist.

positionen: Ihr Werdegang ist geprägt von einem Wechsel zwischen unterschiedlichen Welten: Sie waren sowohl in der Medien- als auch in der Finanzbranche erfolgreich tätig, haben in England und in Deutschland gearbeitet. Empfinden Sie das als Vorteil oder als berufliche und persönliche Heimatlosigkeit?
Christian Schneider-Sickert: Ich habe das immer sehr gemocht und genossen. Zum einen persönlich die Chance zu haben, in zwei Welten, in Deutschland und England, quasi als Einheimischer aufzuwachsen. Zum anderen beruflich die Herausforderung anzunehmen, vom eher traditionellen Mediengeschäft mit Print, DVDs und Callcenter bei Bertelsmann zum Fernsehen zu wechseln und mit Überraschung festzustellen, dass ich aus der alten Servicewelt etwas mitnehmen konnte in das kreativ getriebene Fernsehgeschäft.
positionen: Wie würden Sie sich selbst bezeichnen – als „Wanderer zwischen den Welten“ oder als „Brückenbauer“?
Christian Schneider-Sickert: Ich hoffe, der Brückenbauer zu sein! Das, was ich momentan mit LIQID mache, ist klassisches Brückenbauen. Wir sind ein digitales Finanzunternehmen, das nur funktioniert, weil wir die Brücke bauen zwischen der alten, etablierten Investmentwelt und dem modernen Digitalen.
positionen: Was ist die größte Herausforderung dabei, diese beiden Welten so zu verbinden, dass sie zusammen produktiv und erfolgreich sein können?
Christian Schneider-Sickert: Die Sichtweise und der oft fehlende Wille der Menschen, die in der alten Welt leben, Veränderungen zu akzeptieren, die sich ankündigen oder bereits manifestiert haben. Die neue Welt hat dagegen mehr Respekt vor der alten, als ihr oft nachgesagt wird. Auch die Digital Natives sind sich durchaus bewusst, dass die Erfahrenen und Etablierten etwas wissen, was sie nicht wissen. Und dass dieses Wissen auch in der neuen Welt einen wichtigen Wert hat.

„SEIN SELBSTBILD MÖGLICHST FRÜH UND EHRLICH ZU ÜBERPRÜFEN, KANN VERHINDERN, DASS DER FALSCHE KARRIEREWEG EINGESCHLAGEN WIRD“

positionen: Sie waren 14, als Sie nach England gegangen sind. Sie haben dort das Eton College besucht. Wie wurden Sie dort auf Ihr Leben als Unternehmer vorbereitet?
Christian Schneider-Sickert: Eton war eine tolle Erfahrung. Drei Jahre war ich dort und habe mein Abitur gemacht. Das College ist wahrscheinlich das gnadenloseste, antielitärste Umfeld, das man sich vorstellen kann. Dort zählen nicht Herkunft oder Vermögen, sondern persönliche Stärken und Leistungen, die systematisch erkannt und gefördert wurden. „Du bist, wer du bist.“ Das ist das Motto.
positionen: Warum Eton, warum der Wechsel ins Internat?
Christian Schneider-Sickert: Strafversetzt von meinen Eltern wurde ich nicht. Es war wirklich mein eigener Wille und Wunsch. Ich hatte in Deutschland eine Klasse übersprungen und war dann in der Hochbegabtenförderung (lacht). Das hört sich schlimmer an, als es ist. Ich wollte unbedingt ins Ausland und es für ein Jahr ausprobieren.
positionen: Was haben Sie von den Engländern gelernt?
Christian Schneider-Sickert: Was ich als größte Stärke der Engländer empfinde, ist die Einstellung „leben und leben lassen“. Es ist deine Sache, wie du dein Leben lebst. Gerade in den Großstädten herrscht extrem viel Toleranz. In Berlin merke ich dagegen wieder diese typisch deutsche Neigung, anderen Dinge zu oktroyieren.
positionen: Gab es für Sie einen klassischen Mentor oder Vorbilder?
Christian Schneider-Sickert: Einen klassischen Mentor hatte ich nicht. Meine Vorbilder habe ich mir eher im öffentlichen Leben gesucht, nicht im persönlichen Umfeld. Auf jeden Fall geprägt hat mich meine Station bei Goldman Sachs. Auch wenn es mir im Alltag manchmal schwergefallen ist, möchte ich meine Zeit dort auf keinen Fall missen. Das war eine unglaublich harte, stark strukturierte Schule. Eine Organisation mit einem Ethos, der sehr beeindruckend ist.
positionen: Was hat Sie an Ihren Vorbildern am meisten fasziniert?
Christian Schneider-Sickert: Das war meist die Kombination, beruflich erfolgreich zu sein und gleichzeitig breit aufgestellt zu sein. Sich nicht gleich in einem Bereich zu spezialisieren, sondern im Lebensverlauf unterschiedliche Dinge gemacht zu haben. Mein bestes Beispiel ist Chris Patten, der in jungen Jahren bereits ein Ministeramt innehatte, später die konservative Partei Großbritanniens geführt hat, fünf Jahre Gouverneur von Hongkong war und danach dem BBC Trust vorstand.

LIQID

Im August 2015 ging LIQID an den Start und ist mittlerweile einer der größten digitalen Vermögensverwalter in Europa. Zum Gründerkreis gehörte nicht nur Christian Schneider-Sickert als Spiritus Rector, sondern auch HQ Trust, das Multi Family Office der Familie Harald Quandt. Für LIQID sowohl ein Gütesiegel als auch der Zugang zu wertvoller Kapitalmarktexpertise. Seit mehr als 30 Jahren verwalten die Experten hinter LIQID das Vermögen von großen Unternehmerfamilien. LIQID bietet seinen Kunden die Möglichkeit, ihr Geld zu Großanlegerkonditionen anzulegen. Über mindestens 100.000 Euro muss ein Kunde verfügen, um zu investieren. 2017 wurde LIQID bei den FinTechGermany Awards zum besten deutschen Late Stage FinTech gewählt. Im Februar 2018 wurde LIQID vom Wirtschaftsmagazin brand eins Wissen und dem Datendienst Statista als „Innovator des Jahres 2018“ ausgezeichnet.

positionen: Als Unternehmer müssen Sie teilweise nächtelang arbeiten. Wie schaffen Sie es, die Balance zwischen Beruf und Privatleben zu halten?
Christian Schneider-Sickert: Das ist schwierig – und natürlich noch schwieriger, wenn man Kinder hat. Kinder brauchen Zeit und es ist sehr wichtig, sich diese für sie zu nehmen, gerade in der Frühphase. Ich versuche, sportlich aktiv zu bleiben, damit ich nicht ganz dem Büroalltag verfalle. Ansonsten muss man akzeptieren, dass es einfach Phasen gibt, wo die Balance nicht gegeben ist. Beispielsweise in der Phase einer Unternehmensgründung. Und man muss darauf achten, dass die Balance nach so einer intensiven Arbeitsphase wieder zurückkehrt.
positionen: Wie sieht Ihre Arbeitswoche aus, wenn die Balance stimmt?
Christian Schneider-Sickert: Ich versuche, einen Tag in der Woche freizuhaben. Generell bin ich sonntags im Büro, aber samstags bei den Kindern.
positionen: Welche Rolle hat Ihre Familie in Ihrer beruflichen Karriere gespielt?
Christian Schneider-Sickert: Meine Familie ist die Basis, auf der alles ruht. Ich habe immer das Glück gehabt, dass meine Frau relativ flexibel in ihren Entscheidungen war und mit mir gehen konnte.
positionen: Gibt es eine berufliche Station, die Sie in einem Bewerbungsgespräch unter den Tisch fallen lassen würden?
Christian Schneider-Sickert: Viele (lacht). Nein, im Bewerbungsgespräch würde ich die Stationen, bei denen etwas schiefgelaufen ist, gerade nicht unter den Tisch fallen lassen. Das gehört einfach dazu. Zum Beispiel meine Erfahrung beim Fernsehproduzenten FremantleMedia, als ich dort 2009 im Vorstand saß. Bereits mit 39 Jahren war ich als Chief Operating Officer in einer sehr hohen Position mit breiter Verantwortung. Dann gab es interne Veränderungen, die nicht immer sachlich getrieben waren. Wenig später habe ich mich vor der Tür wiedergefunden. Im Nachhinein ist das wahrscheinlich die beste Erfahrung, die ich machen konnte.

„DIE NEUE WELT HAT MEHR RESPEKT VOR DER ALTEN, ALS IHR OFT NACHGESAGT WIRD.“

positionen: Inwiefern?
Christian Schneider-Sickert: Weil man so erkennt, dass im Leben Geradlinigkeit nicht gegeben ist und dass es immer wieder zu Rückschlägen kommen kann, die vielleicht mit einem persönlich gar nichts zu tun haben. Auch nicht mit der eigenen Leistung.
positionen: Wie haben Sie diesen Rückschlag erlebt und was haben Sie daraus gelernt?
Christian Schneider-Sickert: Auf jeden Fall darf einen ein derartiger Rückschlag nicht zynisch machen. Damals war ich schockiert, weil ich nur gewohnt war, dass es immer weiter nach oben geht. Direkt danach habe ich mich frustriert gefühlt, war verärgert und fühlte mich unfair behandelt. Im nächsten Schritt habe ich analysiert, was ich selbst vielleicht falsch oder nicht gut gemacht habe. Ich habe gelernt zu akzeptieren, dass so etwas in großen Konzernen eben passiert. Und mein Fokus auf das, was mir wirklich wichtig ist, wurde durch diese Erfahrung geschärft.

Christian Schneider-Sickert

Die dunkle Sakko-Hosen-Kombination mit Krawatte steht dem erfolgreichen Unternehmensgründer mit dem gegelten Kurzhaarschnitt gut. Fast könnte Christian Schneider-Sickert als Banker durchgehen. Wäre da nicht die Anzughose, die sich als dunkle Jeans entpuppt. Mit 14 zog es ihn ins Ausland, zum Eton College. Dort machte er sein Abitur – und entdeckte seine Passion fürs Rudern, die der Vater zweier Töchter noch heute pflegt. Gründer wurde er direkt nach dem Studium mit Oxford Business Media, spezialisiert auf Finanzinformationen über Schwellenländer. Nach Eton und Oxford folgte später der MBA in Harvard, danach berufliche Stationen bei Goldman Sachs, Bertelsmann und FremantleMedia. 2012 kehrte der heute 45-jährige Wahlberliner nach Deutschland zurück. Seit 2015 ist er Mitgründer und CEO von LIQID Investments.

Odgers Berndtson-Partner Kristin van der Sande im Gespräch mit Christian Schneider-Sickert.
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positionen: Sie möchten heute gern selbst Mentor für Nachwuchstalente sein. Was möchten Sie diesen jungen Menschen mitgeben?
Christian Schneider-Sickert: Das Wichtigste ist, gerade auch in der frühen Phase sehr ehrlich zu sein, was die eigenen Schwächen angeht. Das erlebe ich immer wieder bei Mitarbeitern, dass das Selbstbild in Bezug auf Stärken und Schwächen doch stark abweicht von dem Fremdbild. Dieses Selbstbild möglichst früh, ehrlich und selbstkritisch zu überprüfen, zahlt sich langfristig aus und kann verhindern, dass der falsche Karriereweg eingeschlagen wird.
positionen: Was erweist sich in herausfordernden Situationen als wichtiger – der Kopf oder das Herz?
Christian Schneider-Sickert: Ohne das Herz geht es nicht. Die Herausforderung ist eher, den Kopf die Emotionen kontrollieren zu lassen – gerade bei Projekten, die einem sehr am Herzen liegen. In Situationen, in denen es keine Blaupause gibt, so wie bei der Gründung von LIQID, muss man sich auf seinen Bauch verlassen. Aber der ist natürlich über die Jahre vorbereitet und geschult durch die Ratio.
positionen: Was ist der nächste große Schritt von und für LIQID?
Christian Schneider-Sickert: Wir expandieren in Europa. Zuerst gehen wir nach Italien. Dabei werden wir uns wie in Deutschland mit den Quandts ein Family Office suchen, das uns im lokalen Markt einen Vertrauens- und Reputationsvorschuss sichert. Wir werden noch ein paar Jahre brauchen, um unser Ziel zu erreichen, LIQID als europaweite, digitale Alternative zu Privatbanken zu etablieren.
positionen: Benötigt LIQID für die Expansion frisches Kapital?
Christian Schneider-Sickert: Bisher haben wir mit 7 Millionen Euro im Konkurrenzvergleich sehr wenig Geld aufgenommen, weil wir so effizient sind. Die Wettbewerber haben zwischen 30 und 90 Millionen an Kapital eingesammelt. Aber jetzt müssen wir in die zweite Runde gehen für weitere 10 bis 20 Millionen Euro. Das wird der Fokus der nächsten Monate und eine anstrengende Phase, die ich vor allem außerhalb des Büros verbringen werde.
positionen: Wie lange dauert es, bis die Akquisekosten wieder reingeholt sind und der Kunde für LIQID profitabel wird?
Christian Schneider-Sickert: Bei uns ist der Kunde, der mindestens 100.000 Euro anlegen muss, nach einem Jahr profitabel. Obwohl wir pro Neukunde über 1.000 Euro ausgeben an Marketing.
positionen: Werden Unternehmensgründungen nicht irgendwann auch langweilig? Gibt es so etwas wie einen Abnutzungseffekt?
Christian Schneider-Sickert: Begeisterung für neue Ideen nutzt sich nie ab! Was nervig ist, sind die praktischen Aspekte wie Bürosuchen und die Gründung im rechtlichen Sinne. Aber die Firmen, die ich gegründet habe, sind so unterschiedlich, dass die Herausforderungen jedes Mal ganz andere waren.
positionen: Haben Sie eigentlich immer einen Plan B in der Tasche?
Christian Schneider-Sickert: Wenn man Unternehmer ist, muss man das haben. Allerdings nicht im grundsätzlichen Sinne, dass man im Stand-by-Modus einen Plan B als Alternative zum Unternehmersein hat. Das funktioniert nicht. Unternehmer kann man nur sein, wenn man sich der Sache voll und ganz verschrieben hat. Aber einen Plan B für unternehmerische Fragen – den sollte man auf jeden Fall haben.
positionen: Herr Schneider-Sickert, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Fotos: Frank Blümler

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